Rezension zu „Die Mütter“ von Stefan Györke
Eine Ethnologin reist zu den Mosuo, wer mich kennt, wird jetzt schon wissen, das ist meins. Dazu kommt dann noch, dass die Mosuo matriarchale Züge in ihrer Kultur bewahrt haben, was bei einigen Völkern in Rückzugsgebieten zu beobachten ist und bei mir ein großes Interesse auslöst. Nun könnte dieses Buch schön über den Aufenthalt der Ethnologin bei den Mosuo berichten, dies tut es nur nicht, was ich leider schnell begreifen musste. Diese Ethnologin hat eine Mosuo auf deren ausdrücklichen Wunsch in die Schweiz mitgenommen. Diese Atscho ist nun die Haushälterin bei der Ethnologin und ihrem Mann, die beide vielbeschäftigt sind und über ihre Vielbeschäftigung vergessen, dass sie Kinder haben. Die Haushälterin gleicht dies aus und aus den Kindern der Ethnologin und ihrem Mann werden Kinder von Atscho, die ihre Kultur weitergibt und so in den urgermanischen Gefilden der Schweiz eine Mosuo Familie entstehen lässt und die drei Töchter des Schweizer Paares zu europäischen Mosuo erzieht. Diese Schwestern entwickeln eine starke Bindung zueinander und bekommen Kinder, wobei in ihrer Familie Atscho, die drei Schwestern und deren Kinder zentral stehen. Die Väter nur kurzzeitig auftreten und danach keine größere Bedeutung besitzen. Die männliche Kritik an dieser Lebensform liefert eines der Kinder der Schwestern, Anton. Was mir etwas unverständlich ist, aber wahrscheinlich ein Grundpfeiler der Geschichte ist, die erzählt werden muss. Denn natürlich gibt es einen Haken, aber gut, dies muss wahrscheinlich so sein. Ist ja auch ein Spannungsmoment. Und bietet weitere Deutungen. Dennoch empfinde ich eine Kritik aus der Sicht eines Kindes etwas weit hergeholt, aber ein Teil dieser Kritik resultiert ja auch aus den Reaktionen der Umgebung des Jungen und dies passt dann wieder.
Stefan Györke schreibt eine interessant erzählte Geschichte, die einmal aus der Sicht des Jungen und dann wieder auktorial geschrieben ist. Ebenso lässt der Autor seine Geschichte mäandern, was ich ja sehr liebe. Und dann haut mich diese Geschichte thematisch vom Hocker. Denn diese Geschichte ist ein Blick über den Tellerrand unser patriarchal geprägten Denke und zeigt, dass es auch anders gehen kann, anders gehen könnte. Wenn man sich denn etwas anstrengt und eine Aufklärung dazu betreibt und vielleicht unsere allzu gestrigen Sichtweisen verändert. Was sicher noch einige Zeit brauchen wird, aber vielleicht verändert die Lektüre dieses Buches Sichten und zeigt, dass es auch anders gehen kann.
Wen das Thema Matriarchat interessiert, nicht nur die Mosuo in China haben solche Züge in ihrer Kultur, man findet sie bei vielen Völkern unserer Erde, auch bei anderen Gruppen im südostasiatischen Gebiet, siehe zum Beispiel die Montagnards-Gruppen in Vietnam, Laos und Kambodscha, ich denke da auch an die Khasi, Garo und Naga im nördlichen Indien, den Toda und andere kleine Gruppen der alten Stammesbevölkerung im südlichen Indien, die alte Stammesbevölkerung in Indonesien, die Batak und Dayak, die Minangkabau, die Mentawaier, auch auf Neuguinea mit einer sehr patriarchal strukturierten Bevölkerung findet man matriarchale Denke, zum Beispiel bei den Tolai, in Ozeanien auf Palau, den Marshall-Inseln, auf Samoa, auf Trobriand und auf Bougainville, in Afrika bei den Tuareg und auch anderen Stämmen der Berber, bei den Serer im Senegal, bei den Bijagos in Guinea-Bissau, bei den Akan in Ghana und bei den Akebu in Togo, dann gab es mutterrechtlich organisierte Gruppen von Angola bis Mosambik, als Beispiele seien die Luvale, die Chewa, und die Makonde genannt, in Nordamerika seien die Irokesen genannt, auch Algonkin Gruppen an der Ostküste kannten weibliche Sachems, weibliche Herrscher und/oder die Timukua und andere Gruppen des Südostens, im Kulturgebiet des Südwestens seien die Navajo, Hopi, Zuni, Acoma und Jemez in New Mexiko und Arizona genannt, in Mittelamerika findet man matriarchale Züge bei den Juchitán Zapoteken, schon Frida Kahlo war hiervon fasziniert, im südlichen Amerika sind matriarchale Züge von den Kuna in Panama, den Wayuu (Guajiro) und Arhuako in Kolumbien, den Wayapopihiwi (Guahibo) in Kolumbien und Venezuela, den Warao in Venezuela bekannt. Die matriarchale Denke ist also auf der gesamten Welt bekannt und nichts außergewöhnliches. Denn auch Europa hatte in der Kultur der Kelten, der Etrusker, der Germanen, der Skythen matriarchales Gedankengut. Nur mal so nebenbei bemerkt. Und vielleicht ist diese Denke ein Ausweg aus einer momentan sehr verfahrenen Situation, aber dazu wird es noch lange brauchen.
⭐⭐⭐⭐⭐
Rezension: © Booquinia
Unbezahlte Werbung, Coverbild des Buches: © Steidl
Gegenwartsliteratur
2023 bei Steidl erschienen
Mein Dank geht an NetGalleyDeutschland und an den Steidl-Verlag für das mir zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar!
978-3-96999-109-1
224 Seiten
