Rezension zu „Ein Einzelfall“ von Emily Maguire
Die 25-jährige Bella Michaels wird in der australischen Kleinstadt Strathdee brutal ermordet. Ein Schock für die Stadt. Ein Schock für ihre Schwester Chris. Die Polizei ermittelt und ebenso interessiert sich die Polizei auch für Chris. Ihr Lebenswandel wird kritisch beäugt. Und nicht nur die Polizei interessiert sich für Chris. Auch die Medien beginnen diesen Mord auszuschlachten und ihren Fokus auf die Schwester zu richten.
Wem kommt dies bekannt vor? Ja, das ist zwar ein Buch. Aber eigentlich ist dies eine interessante und sehr treffende Gesellschaftskritik.
Und ja, obwohl es ein Mord ist, wird dieser Mord auch irgendwie bagatellisiert. Ein Mord an einer jungen Frau. Ja, hätte sie mal nicht!?!? Schuldzuweisungen an das Opfer aus männlicher Perspektive. Was soll das? Ein bedauerlicher Einzelfall, ein bedauerlicher Mord. Ja, ja. Bla, bla.
Denn so ist es nicht. Morde an Frauen sind keine Einzelfälle. Gewalt an Frauen nimmt wieder zu. Doch warum ist das so? Ich sage nur dieses wunderbare Patriarchat. Aus der Rippe vom Adam wurde die Eva erschaffen. Ach ne. Also ist die Eva ein Anhängsel des geheiligten Adams. Und genau so wird sie in unseren patriarchal geprägten Gesellschaften auch behandelt. Frauen sind mitnichten gleichberechtigt. Und wenn eine Frau ermordet wird, hat sie wohl Fehler begangen. Sie hat sich mit dem Falschen eingelassen. Sie hat die falsche Kleidung angehabt. Sie hätte nicht allein unterwegs sein dürfen. In einer Burka und mit männlicher Begleitung wäre das also nicht passiert. Afghanistan lässt grüßen.
Mit den ganzen Medienvertretern kommt auch May nach Strathdee, eine Reporterin einer Boulevard-Website. Sie wittert in dem Mord an Bella ihre Möglichkeit zur angesehenen Kriminalreporterin. Doch von so einer Bezeichnung ist so noch weit weg. Doch sie zeigt Standhaftigkeit. Denn als des Medieninteresse erlischt, keine Einschaltquoten = kein Medieninteresse, ganz egal ob der Fall gelöst ist oder nicht, die Medienvertreter sich also aus Strathdee zurückziehen, bleibt May da, obwohl ihr Chef dagegen ist. May bekommt auch ihren sehnlichst gewünschten Kontakt zu Chris, der bisher leider nicht stattfand, diese Nähe zur Tat lässt dann Veränderungen in May passieren.
Und dieser Einzelfall wird dann doch noch zu etwas Anderem. In der erzählten Geschichte, aber auch in der Art des Erzählten.
Ein tolles Buch! Lesen! Ein Krimi, aber auch viel viel mehr!
⭐⭐⭐⭐⭐
Rezension: © Booquinia
Unbezahlte Werbung, Coverbild des Buches: © Septime
Krimi
2023 bei Septime erschienen
Vielen Dank an Septime-Verlag für das Rezensionsexemplar!
978-3-99120-018-5
360 Seiten
