Rezension zu „Kanatuut“ von Natasha Kanapé Fontaine
Indigene Sichten. Schon früh begeisterte mich die Welt der Indigenen der Amerikas. Dann kamen die Welten des Sudan in Afrika hinzu, die Adivasi-Stämme in Indien, die südostasiatischen Bergstämme und die Aborigines in Australien. Meine Liebe zur Ethnographie wurde geboren. Dass ich dann auch heute die Lektüre von indigenen Sichten favorisiere, dürfte jedem geneigten Leser meiner Ergüsse klar sein.
„Kanatuut“ hüpfte während der Buchmesse in Leipzig vor meine Augen und ich war natürlich sofort Feuer und Flamme.
Natasha Kanapé Fontaine ist eine Autorin der Innu, einem Volk, welches früher unter dem Namen Montagnais bekannt war. Von diesem Volk kenne ich schon die Autorin Naomi Fontaine und ihr Buch „Die kleine Schule der großen Hoffnung“, übrigens ein wundervolles Buch. Die Nachnamen verwirrten mich etwas, Natasha Kanapé Fontaine ist 1991 in Baie-Comeau geboren, ist Teil der Innu-Gemeinschaft von Pessamit und Naomi Fontaine wurde 1987 in Uashat (Sept-Iles) geboren, ist Teil der Innu-Gemeinschaft von Uashat. Beide Innu-Gemeinschaften leben in Quebec. Die Innu gehörten früher dem subarktischen Kulturarreal an, waren früher subarktische Jäger und Sammler. Von den 18000 Innu sprechen noch 10000 ihre Ilnu-Aimun-Sprache oder Innu-Aimun-Sprache, was darauf schließen lässt, dass die alte Innu-Kultur noch recht lebendig ist. Besonders wenn man dies mit anderen Indigenen-Gemeinschaften von Nordamerika vergleicht.
Nun hat sich die Autorin Natasha Kanapé Fontaine zum Ziel gesetzt mit ihrem Buch die alte Kultur der Innu am Leben zu erhalten und so fließen in ihre Geschichten in „Kanatuut“ die alten Mythen der Innu mit hinein. Aber nicht nur der Innu, auf ihren Reisen begegnet sie auch in Neuseeland und Hawaii altem Wissen und verbindet auch die dortigen polynesischen Sichten in ihre Geschichten, oder sie begegnet auch in Grönland altem Wissen und flicht dies in ihre Geschichten hinein. Ja, das alte Wissen gibt es eigentlich überall, auch in unseren europäischen Gefilden findet sich viel Altes in unseren vom Christentum übertünchten Festen. Man muss sich halt nur damit befassen und plötzlich findet man das Alte überall und bemerkt, dass es nicht verschwunden ist, nur verändert wurde.
Und ja, vielleicht ist dieses Alte auch ein Schlüssel für ein neues Verständnis unserer Umwelt. Denn alles hat auch irgendwann ein Ende, ist abgebaut, ist verbraucht und verdaut. Und was ist dann?!
„Kanatuut“ ist eine Sammlung von Geschichten, die mit Magischem Realismus gespickt sind, die in mir klingen und die ich liebe. Eröffnen sie doch eine Welt, der wir alle entspringen. In unserer Vergangenheit. Oder auch in der Welt der Indigenen, in einem Jetzt.
Lesen!!!
⭐⭐⭐⭐⭐
Rezension: © Booquinia
Unbezahlte Werbung, Coverbild des Buches: © Drava
Gegenwartsliteratur
2024 bei Drava herausgebracht
Vielen Dank an den Drava-Verlag für dieses Rezensionsexemplar!
978-3-99138-041-2
120 Seiten
