Rezension zu „Die Stadt der Anderen“ von Patrícia Melo
Die Stadt der Anderen. Welcher Anderen? Wer sind diese Anderen? Patrícia Melo beschreibt in ihrem Buch „Die Stadt der Anderen“ die Welten der Obdachlosen von São Paulo. Sie gibt diesen Anderen Gesichter, sie gibt diesen Anderen Leben, macht sie der Leserschaft greifbar.
Patrícia Melo lässt uns in eine andere Welt blicken, ermöglicht diesen vielbeschworenen Blick über den Tellerrand. Nun könnte man sich in seiner vermeintlich sicheren Welt zurücklehnen und für sich schlussfolgern, dass es hier eben diese Anderen sind, um die es hier geht. Doch ist dies wirklich so? Sind diese hier beschriebenen Anderen wirklich die Anderen, oder sind es wir alle?
Das ist eine Frage, die schmerzlich sein könnte!
Denn in unserer leistungsorientierten Welt zählt der Leistende. Und es zählt der Vermögende. Und diese Anderen? Da wir ein sozialer Staat sind, werden auch die Anderen unterstützt. Noch. Denn auch bei uns werden diese Stimmen lauter, die diesen Anderen ihre Sicherung minimieren möchten. Kürzungen im sozialen Bereich liefen schon und laufen weiter. Was kommt dann noch? Wie weit sind wir dann von diesen hier beschriebenen Verhältnissen in São Paulo entfernt? Wann ist diese Stadt der Anderen bei uns? Wollen wir das?
Aus dieser Sicht heraus ist „Die Stadt der Anderen“ ein überaus wichtiges Buch. Man kann es lesen und diese hier beschriebene Welt in São Paulo verorten. Man kann sich nach der sehr berührenden Lektüre zurücklehnen und sich in seiner Sicherheit wiegen. In dieser vermeintlichen Sicherheit.
Man könnte auch bei den Anderen verbleiben und ihnen diese sich schnell anbietende Schuldzuweisung zukommen lassen. Man könnte das. Aber will man das als lesender Mensch? Denn die Welt der Literatur macht ja etwas mit uns. Sie gewährt Einblicke. Und diese Anderen sind meiner Meinung nach wir alle. Suchterkrankungen sind Erkrankungen. Punkt. Wie viele anderen Erkrankungen gibt es, die die eigene Leistung behindern und auch verhindern? Was ist man dann wert in dieser leistungs- und gewinnorientierten Gesellschaft, in der sich zunehmend auch recht gewissenlose Subjekte in höheren Positionen tummeln?
Diese Frage tut weh, ich weiß.
Und die vermeintliche Sicherheit, in die man sich zurückziehen möchte, ist schwankend und fragil. Und diese Sicherheit wird immer fragiler. Sie ist zerbrechlich.
„Die Stadt der Anderen“ zeigt eine Welt, in der wir nicht leben wollen, in der aber Teile unserer Gesellschaft in einem gewissen Maße schon leben. Auch dies sollte uns bewusst sein. Suchterkrankungen gibt es auch bei uns, Menschen in ausweglosen Situationen ebenso, auch Obdachlose befinden sich schon in unseren Städten. „Die Stadt der Anderen“ ist also schon da, auch wenn wir sehr gern die Augen davor verschließen möchten. Diese Stadt der Anderen ist bei uns sicher noch nicht so ausgeprägt wie hier in São Paulo beschrieben. Aber müssen wir so lange warten bis diese Zustände auch bei uns zutreffen?
Das Buch stellt die Frage wie wertvoll jeder Mensch in unseren Landen ist. Manche sehen hier ja Unterschiede. Andererseits kann man auch fragen, wie krank so eine Unterteilung ist. Denn in der Geschichte zeigt sich ja, wohin solche Einteilungen führen können.
Patrícia Melo hat mit „Die Stadt der Anderen“ ein soghaft-spannendes Buch geschrieben, ein berührend-emotionales Buch. Es zeigt auf was in unseren Gesellschaften los ist, es zeigt diese Anderen, gibt ihnen Stimmen und Gesichter, macht sie erlebbar. Was dieses Buch mit uns als Lesenden macht, muss jede/r für sich selbst entscheiden.
Mich hat „Die Stadt der Anderen“ tief berührt und für mich war dieses Buch von Patrícia Melo ein Lesehighlight in diesem Lesejahr 2025. ❤
⭐⭐⭐⭐⭐
Rezension: © Booquinia
Unbezahlte Werbung, Coverbild des Buches: © Unionsverlag
Gegenwartsliteratur
2024 bei Unionsverlag herausgebracht
Mein Dank geht an NetGalley und an den Unionsverlag für das mir zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar!
978-3-293-00602-7
400 Seiten
