Rezension zu „ë“ von Jehona Kicay
Wer etwas darüber erfahren möchte, was Krieg, Flucht und Asyl mit Menschen machen, ist bei dem Buch „ë“ von Jehona Kicay völlig richtig. Wieder ein Buch von der Longlist des Deutschen Buchpreises, welches mich völlig überwältigt hat.
„ë“ ist ein dünnes nur 176 Seiten starkes Büchlein und es hat mich völlig in seinen Bann gezogen. Ich hatte das Gefühl einen Wälzer gelesen zu haben. Denn inhaltlich hat dieses Büchlein mehr in sich als die Seitenanzahl vermuten lässt. Eine Erzählstimme berichtet von ihrem Neuanfang in einem anderen Land. Aber gibt es diesen Neuanfang wirklich? Denn wie viel von der erlebten Vergangenheit schleppt man weiter mit sich herum? Inwieweit kann man vergessen? Was will man wirklich vergessen? Was kann man vergessen? Teile des eigenen Lebens. Traumatische Erfahrungen. Geht ein furchtbares Erleben wieder aus dem eigenen Kopf raus? Was bedeutet dieses so oft zitierte Verarbeiten von Traumata? Ein Negieren. Ein Löschen. Ein damit leben können. Ein damit leben müssen. ???
Die weibliche Erzählstimme ist im Kosovo geboren, ist Albanerin, hat den Kosovo-Krieg erlebt. Kennt das damalige Grauen. Lebt jetzt in Deutschland. Aber in ihr lebt auch die Vergangenheit. Das Trauma! Der Verlust! Ein Schnitt! Ein Einschnitt! Eine Wunde! Eine schwärende Wunde!
Was macht so ein erlebtes Trauma mit den Betroffenen? Es verändert. Klar. Definitiv.
Ein Leben im Asyl. Fernab der Heimat. Fernab der Wurzeln. Fernab der eigenen Sprache. Ein Leben in einem neuen Land. Das Leben besteht aus Begegnungen. Nicht immer nur positive Begegnungen. Was triggert Betroffene? Was kann Betroffene triggern. Nicht jeder von uns ist mit Empathie gesegnet. Dies triggert. Und auch nicht jeder empathische Mensch ist immer vollkommen empathisch. Jeder von uns macht Fehler. Folgenschwere Fehler. Auch darüber berichtet dieses Buch.
So viel Inhalt auf diesen Seiten. Ein tief berührendes Buch! Ein kluges Buch! Ein eindringliches Buch! Es gibt hier nicht den erhobenen Zeigefinger. Es gibt eine Protagonistin, die von ihrem Damals und von ihrem Jetzt berichtet. Sie berichtet still und ruhig. Gerade dadurch schlägt dieses Buch so ein. Bei mir. Und sicher auch bei vielen anderen Leser*innen. Ein Lesehighlight für mich in diesem Lesejahr 2025.
Eine Leseempfehlung! Unbedingt lesen!
⭐⭐⭐⭐⭐
Rezension: © Booquinia
Unbezahlte Werbung, Coverbild des Buches: © Wallstein
Gegenwartsliteratur
2025 bei Wallstein erschienen
Mein Dank geht an NetGalleyDeutschland und an den Wallstein-Verlag für das mir zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar!
978-3-8353-5949-9
176 Seiten
