Rezension zu „Das Schwarz an den Händen meines Vaters“ von Lena Schätte
Wieder ein Buch von der Longlist und wieder ein Knaller. Ein Blick auf die Alkoholsucht. Klar, dass dies mich einfängt. Arbeite ich doch seit vielen Jahren in der Psychiatrie und natürlich habe ich viele Menschen mit genau diesem Krankheitsbild kennengelernt. Ich wollte immer in die Psychiatrie und ich habe diesen Schritt/diese Entscheidung nie bereut. Die Umstände in der Medizin, die sich in den vielen Jahren merklich zum Negativen verändert haben, sind ein Grund zum Verzweifeln. Ja. Aber nicht die Arbeit. Nicht die Psychiatrie. Ich bin ein empathischer und gefühlsbetonter Mensch. So zu sein hat zwei Seiten, wie fast alles im Leben. Man empfindet und kann reagieren. So reagieren, dass es dem Gegenüber etwas bringt, zeigen, dass man Verständnis hat und gleichzeitig auch ein Vielleicht ermöglichen. Ein Vielleicht, was schlussendlich der Patient umsetzen muss. Eine Aktion, die aus dem Verständnis der Erkrankung erwächst, erwachsen muss. Aber gerade dies ist ein sehr schwerer Schritt. Die zweite Seite bei einem empathischen Wesen ist, dass man für dieses Fühlen einen Preis zu zahlen hat. Denn dieses Empathisch sein macht auch Türen auf. Türen, die dem Negativen Einlass gewähren. Mit dem man dann zu kämpfen hat! Aber man ist ja hier, um zu lernen. Und so lernt man dann. Weil man es muss und will. Denn das Leben ist schön, wie Frieda sagte! Die ja mit dem Alkohol auch ihre Erfahrungen gemacht hat.
Lena Schätte ist wie ich Psychiatriekrankenschwester. Sie kennt das psychiatrische Erleben. Sie kennt die psychiatrischen Erkrankungen. Sie kennt die Suchterkrankungen. Und sie schreibt in diesem Buch darüber. Intensiv, schonungslos und sehr berührend! „Das Schwarz an den Händen meines Vaters“ ist ein Blick auf einen suchterkrankten Vater, genauso ist es aber auch ein Blick auf die gesamte Familie. Denn psychiatrische Erkrankungen betreffen den Erkrankten, aber auch das gesamte Umfeld. Psychiatrische Erkrankungen infiltrieren die Umgebung mehr, als es die meisten anderen Erkrankungen tun. Hier erkrankt ein Mensch, betroffen sind aber Viele mehr. Und dies macht psychiatrische Erkrankungen so ungemein tückisch, bösartig und dunkel.
Lena Schätte beschreibt hier einen sehr negativen Prozess. Dies mag die Lesenden sicherlich sehr anfassen. Dennoch entbehrt es nicht einer tiefen Wahrheit. Psychiatrische Erkrankungen töten. Auch dies ist ein Grund, dass ihnen endlich ein angemessener Platz in unserer Gesellschaft gebührt. Denn es sind eben nicht die Anderen, die krank werden. Es sind wir alle! Und dies müssen wir begreifen. Nur so lassen sie sich minimieren. Hier ist in den letzten Jahren schon einiges passiert. Die Anzahl der Psychosen geht meiner Meinung nach etwas zurück, vielleicht liegt das an der nunmehr verbesserten medizinischen Versorgung, so dass einerseits eher reagiert wird und auch durch verbesserte Medikationen schlimme Verläufe minimiert werden konnten. Bei den depressiven Erkrankungen und bei den Suchterkrankungen sehe ich eher eine Anhäufung. Ein Verständnis kann hier helfen, Veränderungen in der Gesellschaft zum Beispiel, ein empathischeres Menschenbild in D, etwas weniger Druck in unserer Gesellschaft und etwas weniger starres Denken. Fromme Wünsche. Ich weiß. Gerade jetzt.
Aber eine Information kann hier durchaus helfen. Und in der Literatur finde ich gerade in den letzten Jahren viele Beispiele, die ein Verständnis von psychiatrischen Erkrankungen ermöglichen.
So auch dieses Buch hier. „Das Schwarz an den Händen meines Vaters“ von Lena Schätte. Ein Blick auf einen alkoholkranken Vater, ein Blick auf seine Tochter, die ähnliche Verhaltensweisen zeigt. Ein Blick auf den Alkohol, dem wir ja in unserer Gesellschaft einen großen Platz einräumen. Wir alle. Ich ebenso. Und der etwas mit uns macht. Was wir alle wissen. Aber manchmal ist es schwer. Und ein Glas hilft beim Entspannen. Wer kennt es nicht?
Doch es gibt sie. Diejenigen, die es nicht kennen. Nicht mehr kennen. Diejenigen, die der Suchtspirale entkommen sind. Denn genau das geht. Es ist schwer, sehr schwer. Aber es ist möglich. Das sollte man nicht vergessen. Denn Entspannen kann man auf vielerlei Weise.
Auch das zeigt ja dieses Buch, die Möglichkeit des Entkommens!
Das Buch „Das Schwarz an den Händen meines Vaters“ von Lena Schätte reiht sich in die anderen Positiv-Erfahrungen aus der Longlist ein, ich werde weiter der Longlist nachforschen und viele weitere Schätze finden. Wie auch „Das Schwarz an den Händen meines Vaters“ ein Schatz ist. Lesen!
⭐⭐⭐⭐⭐
Rezension: © Booquinia
Unbezahlte Werbung, Coverbild des Buches: © S.Fischer Verlag
Gegenwartsliteratur
2025 bei S. Fischer erschienen
Vielen Dank an @NetGalley und an den S. Fischer-Verlag für das mir zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar!
978-3-10-397657-1
192 Seiten
