Rezension zu „Haus zur Sonne“ von Thomas Melle

Wie ist es psychiatrisch krank zu sein? Dieses Buch zeigt dies sehr intensiv! Aber es zeigt auch die eigene Nähe zur Erzählstimme! Und gerade das empfinde ich als etwas Großes. Denn psychiatrische Erkrankungen sind immer noch stigmatisiert. Obwohl so viele von uns betroffen sind. Und die Suizidzahlen sind hoch. Erschreckend hoch. Die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention zählte 2024 10372 Suizide in Deutschland! Dies muss man sich einmal vor Augen führen! So viele Menschen in einem Jahr! 2025 wird ähnlich werden. Und die Jahre vor 2024 waren genauso.

Das Haus zur Sonne. Im Buch ist das eine Institution, die Wunscherfüllungsmaschine und Abschaffungsanstalt ist. Vom Staat finanziert dürfen hier psychiatrisch und körperlich erkrankte Menschen nach der Erfüllung von Wünschen aus dem Leben scheiden. Vertraglich wird dies festgelegt und dann darf man nach einer Frist gehen. Muss gehen! 

Was für ein Konstrukt!

Im vorangegangenen Buch „Die Welt im Rücken“ verarbeitet Thomas Melle seine bipolare Erkrankung literarisch. Und hier im Haus zur Sonne liefert er einen Gedankengang, der es in sich hat. Noch dazu, wenn man weiß, dass Thomas Melle selbst psychiatrisch erkrankt ist.

Wie kommt er auf solch ein Buch? Was hat er selbst in der psychiatrischen Medizin erfahren, dass ihm solche Gedanken einfließen? Bzw. was hat ihn seine Erkrankung erleben lassen, dass er solch ein Buch schreiben kann? 

Ich arbeite selbst seit vielen Jahren in der Psychiatrie. Und ja, mein Herz schlägt für psychiatrisch Erkrankte. Ich liebe meine Arbeit! Und ich liebe es, wenn es den Patienten besser geht. Ich habe auch das Gegenteil gesehen. Die Stagnation in der Erkrankung. Die wiederkehrenden Krankheitsschübe. Und schlussendlich das Aufgeben der Betroffenen. Und ja. Das macht etwas mit den in der Psychiatrie Arbeitenden. Man versucht dies zu verhindern, man versucht zu helfen, man versucht, man gibt, man kämpft. Aber letztendlich kann man nicht alles verhindern. Leider!!! In der Klinik funktioniert dieses Verhindern eines Suizids schon. Aber nicht im Außenraum. Letztendlich kann man auch nur Agieren, wenn es eine Kommunikation zwischen Behandler und Behandeltem gibt. Wenn nicht mehr geredet wird, kann man noch aus der nonverbalen Kommunikation Rückschlüsse ziehen. Aber allem Tun sind auch gewisse Grenzen gesetzt. Leider!

Dieses Buch hier hat etwas mit mir gemacht. Ich fand das Buch wirklich sehr sehr gut. Aber auch schlimm. Eine psychiatrische Erkrankung wird in der Lektüre schonungslos erlebbar gemacht. Authentisch und eindringlich. Sehr eindringlich! Dieses Buch triggert natürlich. Man denkt an Patienten, an Begegnungen auf Arbeit, in der Psychiatrie. Und natürlich flossen bei der Lektüre Tränen. Aber nicht nur durch die Gedanken an die reale Geschehene in meinem Leben, auf der Arbeit. Ebenso auch durch die Handlung des Buches. Das Buch „Haus zur Sonne“ ist intensiv und richtig gut. Ich habe es als E-Book gelesen, nach der Lektüre zog es dann in Buchform bei mir ein, verschenkt habe ich es auch schon, an Arbeitskollegen. Und ich empfehle es. Immer und immer wieder!

Denn dieses Buch verdient es gelesen zu werden.

Nicht nur durch die intensive Darstellung einer psychiatrischen Erkrankung. Sondern auch wegen der Handlung. Wegen diesem Haus zur Sonne. Welches sich der Autor hat einfallen lassen. Denn dieses Haus zur Sonne gibt es nicht. Dennoch empfinde ich im Geschriebenen auch eine Kritik an unserer Gesellschaft. Eine Kritik an unserem Blick auf die Psychiatrie. Eine Kritik am Umgang mit psychiatrisch Erkrankten. Denn wohin soll die Reise in der Medizin noch gehen, wenn der Gewinn an vorderster Stelle steht und der Mensch dabei auf der Strecke bleibt? Wohin soll die Reise für uns alle gehen, wenn die Gier unser Tun bestimmt? Besonders in der Medizin!

Die Psychiatrie sehe ich in ihrer Ausrichtung als ein sehr spezielles Fachgebiet in der Medizin an. Denn gerade hier ist das Personal besonders wichtig. Denn genau dieses Personal muss kleinste Veränderungen beim Patienten erkennen können, um das Schlimmste verhindern zu können. Wenn am Personal gespart wird, leidet die psychiatrische Versorgung sehr, und damit leidet letztendlich der Patient!!!

In der intensiven, zutiefst empathischen Darstellung einer psychiatrischen Erkrankung ermöglicht dieses Buch hier ein Verständnis, ein Verstehen, welches in unserer Gesellschaft immens wichtig ist! Die immer größer werdenden Zahlen der psychiatrisch Erkrankten bedingen ein Verstehen. Denn aus dem Verstehen erwächst auch eine Heilung. Denn wer etwas versteht, kann dagegen vorgehen. Die Aktion beim Patienten ist die dritte Säule in der psychiatrischen Behandlung, neben der Medikation und der psychologischen Betreuung. Eine immens wichtige Säule. Auch wegen diesem Verstehen ist das Buch „Haus zur Sonne“ ein immens wichtiges Buch!

Lesen!!!


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