Rezension zu „Abschied vom Phallozän“ von Gertraud Klemm
Von Gertraud Klemm kenne ich bisher das Buch „Einzeller“. Mit diesem Buch und ihren Blick auf den Feminismus hatte mich diese Autorin sehr begeistert. Sie scheut sich nicht davor unbequeme Wahrheiten auszusprechen und damit hat sie mich vollkommen überzeugt.
Meine Liebe zur Ethnographie ließ mich schon seit meiner frühen Jugend Bücher in dieser Thematik verschlingen. Und natürlich läuft der geneigten Leserschaft da das Thema Matriarchate immer wieder über den Weg und lässt diejenigen unter uns, die diese Thematik Ethnographie lieben, erkennen, dass das Patriarchat nicht das NonplusUltra oder das Einzig-Wahre ist. Nicht das wir dies nicht schon in unserer Gesellschaftsordnung erkennen würden. Nicht, dass uns das nicht immer wieder wütend werden lässt.
So ist es also auch kein Wunder, dass ich dieses Buch hier, „Abschied vom Phallozän“ lesen musste, unbedingt lesen wollte.
Denn dieses Wort Matriarchat, dieses Konstrukt Matriarchat erscheint vielen von uns etwas nebulös, fast schon im Bereich der Fantasie angesiedelt. Denn so etwas kann es doch gar nicht geben.
Und doch, so etwas gibt es. Sogar heute noch. Und wenn es dies in anderen Kulturen gibt, warum also bei uns nicht?
Nun sind die meisten matriarchalen Kulturen im Laufe der Geschichte verschwunden, von unserer gar so tollen westlichen Kultur überrannt worden. Es bestehen meist nur noch viele geschichtlichen Berichte, ethnographische Abhandlungen über sie. Und auch hier sollte man sich darüber klar sein, dass die meisten Historiker, Ethnographen Männer waren, die die Welt ja auch aus ihrem Blickwinkel wahrnehmen und damit vielleicht auch manches übersehen haben.
Das Buch „Fünfte Sonne“ von Camilla Townsend mag hier als Beispiel herhalten. Es berichtet über die Azteken. Die Autorin besuchte viele Bibliotheken der Welt und studierte die Berichte über diese Hochkultur. Und welch ein Wunder. Als Frau gelang es ihr völlig neue Blicke auf die Azteken zu ermöglichen. Ich möchte fast beschwören, dass dies bei weiteren Versuchen, bei weiteren Blicken weiblicher Gelehrter auf andere Kulturen ähnliche Resultate zu tage fördern würde. Und damit sage ich nicht, dass jeder Mann immer falsch schaut. Mitnichten. Aber die vergangenen Zeiten implizieren halt auch vergangene kulturelle Sichten.
So sieht man matriarchale Kulturen in den alten Berichten, aber man sieht sie auch noch heute, in lebenden und funktionierenden Gesellschaften, als Beispiele führe ich hier nur drei an, es gibt weit mehr. Dazu empfehle ich weiterführendes Forschen im Netz oder in den Büchereien, zum Beispiel über die Fernleihe. Als Beispiele seien die Mosuo in Süd-China erwähnt, die Khasi in NordOst-Indien und die Pueblokulturen im Südwesten der USA.
Dadurch, dass es sie gibt, dass sie existieren, scheint ein Leben im Matriarchat also durchaus möglich.
Und, dass es für uns anders weitergehen muss, zeigt die heutige Zeit gerade sehr drastisch. Macht- und geldgeile Männer führen die Welt ja immer mehr in Richtung Abgrund. Ohne irgendwie mal eine Form des Erkennens zu zeigen. Nein, in deren Köpfen existieren nur egoistische Motive und alles andere ist denen völlig egal. Wir können von Glück sagen, dass sie noch keinen weiteren Planeten fürs eigene Überleben gefunden haben, denn dann …!
Gertraud Klemm hat hier ein sehr kluges feministisches Buch geschrieben, dem ich wirklich viele Leser wünsche! Es ermöglicht Blicke auf den Feminismus und Blicke auf die Matriarchate, unseren Ursprung, die nie völlig verschwunden sind und eine mögliche Zukunft bieten! Denn machen wir uns nichts vor, das Patriarchat wird nicht plötzlich handzahm werden. Und die Mächtigen unserer Welt werden sich die Macht nicht aus der Hand nehmen lassen und sagen macht mal. Viel Glück!
Aber man muss hier auch nicht riesengroß denken. Es geht auch im kleineren Sinn. In dem man sich in kleineren Gemeinschaften findet und sich eine funktionierende kleine Welt aufbaut, je mehr es solche neuen Lebensmodelle gibt, desto eher wird es auch ein größeres Umdenken geben. Im Buch wird da eine Dorfgesellschaft in Kolumbien angeführt, die die Autorin besucht hat. Nashira in Kolumbien, in der Nähe von Cali. Schaut euch da mal im Netz um. Kolumbien, ein Land des Machismo. Ja, auch da funktioniert neues Denken.
⭐⭐⭐⭐⭐
Rezension: © Booquinia
Unbezahlte Werbung, Coverbild des Buches: © Matthes & Seitz
Sachbuch
2025 bei Matthes & Seitz erschienen
Vielen Dank an NetGalley und an den Matthes & Seitz-Verlag für das Rezensionsexemplar!
978-3-7518-2088-2
142 Seiten
