Rezension zu „Der Junge“ von Fernando Aramburu
Das Buch „Der Junge“ von Fernando Aramburu basiert auf realen Geschehnissen. Am 23. Oktober 1980 ereignete sich eine Propangasexplosion in der Marcelino Ugalde Grundschule in Ortuella im Baskenland in Spanien. 50 Kinder und 3 Erwachsene starben. Ein Horror für den kleinen Ort.
Fernando Aramburu schreibt ein Buch um diesen Horror. Auch in „Patria“ geht es um den Horror und die Menschen und ihren Umgang damit. Und damit wuchs in mir sicher die Hoffnung auf ein weiteres Highlight.
Eines der toten Kinder in der Schule ist der sechsjährige Nuco. Zurück bleiben die traumatisierten Eltern und der Großvater des Jungen. Wie der Vater José Miguel und die Mutter Mariaje und der Großvater Nicasio nun weitermachen erzählt Fernando Aramburu gekonnt in seinem kleinen 256 Seiten starken Roman „Der Junge“.
Nun kenne ich von Fernando Aramburu bisher das 768 Seiten starke „Patria“ und den 832 Seiten umfassenden Roman „Der Mauersegler“. Seitenangaben, die irgendwie faszinieren. Mit „Patria“ hat mich dieser Autor seinerzeit richtig umgehauen, ein 5 Sterne Buch, welches ich völlig begeistert gelesen habe. „Der Mauersegler“ war intensiv gezeichnet, aber dieser Hauptcharakter des Buches, nun ja, man muss sich auf ihn einlassen können. Dennoch in der Tiefe der Schilderung dieses Hauptcharakters ein sehr gutes Buch. Ohne mein innerliches Brennen. Aber 4 Sterne definitiv.
Nun kommt ein Buch von diesem richtige Wälzer schreibenden Autor welches „nur“ 256 Seiten aufweist und damit irgendwie „dünn“ rüberkommt. Gelingt dem Autor das Geschehen transparent und die Figuren glaubhaft zu gestalten? Und ja. Dies gelingt dem Autor natürlich.
Ein Horror passiert. Die Welt ist nicht mehr dieselbe. Wie macht man weiter? Gerade die Eltern verdienen hier tiefstes Mitgefühl. Der Tod eines Kindes ist wohl mit das Schlimmste, was einem im Leben passieren kann. Wie die beiden Hauptcharaktere mit diesem Trauma umgehen, beschreibt Fernando Aramburu empathisch und tief. An „Patria“ kommt es meiner Meinung nach dennoch nicht ran, aber dies zu schaffen erscheint mir doch recht schwer. Denn bei „Patria“ schwingt ja doch thematisch noch so viel mehr durch. Und auch die Charaktere bei „Patria“ zu erreichen ist schwer. Vielleicht ist hier auch mein ewiger Vergleich völlig fehl am Platze. Sicher. Aber ich kann irgendwie nicht anders.
Mariaje und José Miguel werden beschrieben, ihr Tun, ihr Denken wird beschrieben, aber richtig anzünden können mich beide Charaktere leider nicht. Auch mit dem Großvater Nicasio schreibt sich Fernando Aramburu nicht in mein Herz. Was schade ist. Ich empfand mich hier bei der Lektüre eher als Beobachterin des Geschehens, war nicht mittendrin. Jeder, der meine Lesegewohnheiten kennt, weiß, dass ich mir genau das von einem Buch wünsche, mittendrin zu sein und in meinen Gefühlen explodieren zu können. Schade! Rein thematisch betrachtet hätte dies möglich sein müssen.
Natürlich ist „Der Junge“ ein richtig gut geschriebenes Buch. Und ich werde auch weiterhin hinter diesem Autor hinterherlesen. Denn das Baskenland fasziniert mich. Und der Autor auch. Und wer weiß, vielleicht kommt ja noch so ein Burner wie „Patria“. Irgendwann.
⭐⭐⭐⭐
Rezension: © Booquinia
Unbezahlte Werbung, Coverbild des Buches: © Rowohlt
Gegenwartsliteratur
2025 bei Rowohlt erschienen
Vielen Dank an den @RowohltVerlag und an @Netgalley für das Rezensionsexemplar!
978-3-498-00738-6
256 Seiten
