Rezension zu „American Mother“ von Colum McCann/Diane Foley
Eine Mutter verliert ihren Sohn und sitzt vor Gericht dem Mörder gegenüber. Schon das allein ist sicherlich nicht alltäglich. Hier kommt allerdings dazu, dass der Sohn Journalist war, entführt wurde und der Mörder dem IS angehörte. Der Mörder ist ein Brite, der aus Großbritannien in das Herrschaftsgebiet des IS reiste, um dort seinem Irrglauben zu folgen, und um Unaussprechliches zu tun. Völlig unverständlich in meinen Augen. Man kommt aus einem sicheren Landstrich, geht in unsicheres Terrain und kämpft dort gegen den Westen, dem man ja entstammt und wo man die Sicherheiten und Annehmlichkeiten bisher genießen konnte. Wie verblendet muss man sein? Doch dies nur am Rande.
Zurück zum Thema. Der IS ermordete viele Menschen. Unter vielen anderen traf es auch den US-amerikanischen Journalisten James Foley. Ein Journalist! Ich bekomme da Wut! Aber des Menschen Tun, ein unerschöpfliches Thema! Auch jetzt wieder zu beobachten. Wahrscheinlich immer. Im Jetzt, im Gestern und auch im Morgen. James Foley wurde geköpft. Der Tod und das Grauen wurde inszeniert. Der Horror schlechthin!
Doch dieser Horror ist nicht das Hauptthema des Buches von Colum McCann. Ich kenne von Colum McCann bisher „Apeirogon“ und mit diesem Buch hat mich Colum McCann sehr beeindruckt. Denn der Horror und der Hass darf uns nicht besitzen/nicht einnehmen. Und das verdeutlicht Colum McCann in „Apeirogon“, aber auch hier in „American Mother“. Denn diese titelgebende Mutter ist Diane Foley. Und ihr Umgang mit dem sie selbst betreffenden Horror beeindruckt ungemein! Woher nimmt sie wohl ihre Stärke?
Diane Foley möchte dem Mörder ihres Sohnes begegnen, möchte ihn mit den Folgen seines Tuns mittels ihrer Person konfrontieren, möchte ihm als Mensch begegnen und erreicht damit wahrscheinlich einiges. Davor kann ich nur meinen Hut ziehen und irgendwie erstarren vor dieser Stärke. Hätte ich die Kraft vor den Mörder einer von mir innigst geliebten Person zu treten und ihm nicht nur mit einem von mir selbst gefällten Urteil zu begegnen? Ich denke nicht. Auch wenn ich immer für Menschlichkeit eintrete, es gibt Grenzen. Auch für mich. Jemand, der für mich erhebliche Grenzüberschreitungen begeht, verliert in meinen Augen gewisse menschliche Komponenten. Dass Diane Foley damit anders umgehen kann, verwundert mich sehr, lässt mich darüber sinnieren, darüber nachdenken. Und damit ist der Sinn des Buches ja schon deutlich. Ob das Buch in mir etwas verändert hat. Ich weiß nicht.
Weiterhin ist dieses Buch auch ein Denkmal für James Foley. Ein Mahnmal. Stellvertretend sicher für so viele völlig sinnlos getötete Menschen. Das Buch ermöglicht einen Blick auf James Foley, auf sein Tun, auf seine Denke. Ein Blick auf einen menschlich, empathisch und sozial denkenden Menschen. Der für seine Ideale Risiken eingegangen ist. Risiken, die ihn nicht abgeschreckt haben, die ihn haben weitermachen lassen. Bis ….
Und damit kann man vor der Mutter und dem Sohn den Hut ziehen! Was für Menschen! ❤
Außergewöhnliche Menschen und sicher ein außergewöhnliches Buch.
„Apeirogon“ war für mich ein 5 Sterne Buch. „American Mother“ bekommt von mir 4 Sterne. Thematisch müsste es für mich ein 5 Sterne Buch sein. Aber irgendetwas in Diane Foleys Denken und Tun ließ mich auch in einem Abstand verbleiben. Ich möchte hier mit Sicherheit nichts von ihrem Tun bewerten, das steht mir definitiv nicht zu. Aber völlig entbrannt zum Geschriebenen bin ich leider nicht und deswegen gibt es von mir 4 Sterne für „American Mother“.
⭐⭐⭐⭐
Rezension: © Booquinia
Unbezahlte Werbung, Coverbild des Buches: © Rowohlt
Gegenwartsliteratur, Biografie
2024 bei Rowohlt erschienen
Vielen Dank an den @RowohltVerlag und an @Netgalley für das Rezensionsexemplar!
978-3-498-00386-9
272 Seiten
