Rezension zu „Das gelbe Haus“ von Mieko Kawakami

„Das gelbe Haus“. Mit diesem Buch hat es mir Mieko Kawakami nicht ganz so leicht gemacht. Dabei kenne ich die Autorin schon von ihren Büchern „Brüste und Eier“ und „All die Liebenden der Nacht“. Und beide Bücher habe ich anders, viel intensiver wahrgenommen. Dies hat aber sicher Gründe, die nicht nur in dem Buch zu suchen sind, denn in der Zeit der Lektüre hat es in meiner Familie einen krankheitsbedingten Notfall gegeben, was mich natürlich triggerte und diesem Buch wahrscheinlich nicht den ihm gebührenden Raum gegeben hat. 

Dennoch haben es die Hauptcharaktere des Buches nicht in mein Herz geschafft, ich empfand sie eher als etwas nervig, bzw. auch nicht völlig nachvollziehbar in ihrem Handeln. Nun muss man dazu sagen, dass Hana, Ran und Momoko als Figuren in dem Buch recht jung sind und sich in ihrer Findung befinden. Und wenn man sich an die jugendliche Zeit erinnert, wird man feststellen, dass man damals vielleicht auch nicht immer völlig nachvollziehbar für Andere in seinem Handeln war. Also macht dies dann wieder Sinn. „Das gelbe Haus“ verstehe ich als eine Milieustudie über sozial schwach gestellte Mitglieder der japanischen Gesellschaft, die ihren Platz in der Gesellschaft suchen. Einen Platz, den wir wohl alle in unseren Gesellschaften suchen und finden. Nun haben es sozial schwächer gestellte Mitglieder der Gesellschaften nun einmal deutlich schwerer, da hier ja auch oft noch andere Dinge mitschwimmen. Denn sozial schwächer gestellt bedeutet oft auch, dass noch andere Probleme bei den Betreffenden mitschwingen, oft im psychologischen Rahmen angesiedelt. Mieko Kawakami versucht hier Charaktere zu zeichnen, die Suchende sind und für ihren vermeintlichen Platz in der Gesellschaft bereit sind Grenzen zu überschreiten. Dinge zu tun, die sich über der Grenze des Legalen befinden. Doch wenn man dem bisher fehlenden Geld und einer Stellung hinterherjagt, was ist man bereit zu tun in Gesellschaften, die den Mammon als Gott anbeten. Eine Frage, die man sich selbst beantworten kann. Und eine Frage, die Betrachtung einfordert, wenn man mit offenen Augen und Ohren unser Zeitgeschehen verfolgt. Was ist den wichtiger, ermordete Menschen, oder Öl und Uran?!?! In unseren jungen Jahren gibt es oft hehre Ziele oder eben die Suche nach dem eigenen Platz in der Gesellschaft. Und später. In späteren Jahren schauen manche von uns mit viel Bedauern auf ihr Tun. Doch Vergangenheiten können wiederkehren. Wie dies in dem Buch ja geschieht.

Unter den Gesichtspunkten auf dieses Buch zu schauen und damit auch die Wichtigkeit des Buches zu verstehen, ermöglicht im Nachhinein meine Vier-Sterne-Bewertung. Denn vom informatorischen Aspekt ist dieses Buch sehr gut. Als Milieustudie ist es ein sehr gutes Buch. Dass mir die Charaktere nicht so zugesagt haben, möchte ich mal eher als eine persönliche Bewertung verstehen, die sicher auch mit meiner persönlichen Situation während der Lektüre zu tun hatte. Vielleicht war meine Gefühlswelt anderweitig gebunden, so dass nicht mehr so viel Gefühl für die Charaktere übrig blieb.

Auch die eher kühl gehaltene Erzählung verleitet mich nicht wirklich zu einem Brennen für das Buch, für die Charaktere. Aber muss man denn immer Brennen? Wahrscheinlich nicht. Manchmal reicht es auch in eine Welt mitgenommen zu werden, die fremd und unnahbar erscheint, die aber dennoch so einiges aussagt über diese Welt. Eine Welt, in der ich kein Teil sein möchte. Es aber ja dennoch bin. Eine Welt, in der ich meinen eigenen Platz, meine eigene Stellung erschaffen kann. Mit meinen eigenen Möglichkeiten. Wie jeder von uns. Und wenn mir so eine Hana, so eine Ran, so eine Momoko, so eine Kimiko, so eine Kotomi begegnet, vielleicht kann ich deren Weg etwas ebnen. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Nennt mich pathetisch. Aber genau deswegen arbeite ich in einer Psychiatrie. Und Romane betrachte ich als Lernstoff. Und dieses Buch hier ist der perfekte Lernstoff für Mitarbeiter in der Psychiatrie.


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