Rezension zu „Kopflos“ von Ariana Harwicz

Von Ariana Harwicz kenne ich schon „Stirb doch, Liebling“. Und dieses Buch hatte mich begeistert, sehr begeistert. Begeistert über diese Härte, dieses Düstere, den geschickt gesetzten Schock, diesen Mut, so ein Buch zu schreiben, diese so wichtige Kritik an den weiblichen Rollenbildern. Und natürlich war ich neugierig, als ich von „Kopflos“ hörte.

Und ja, auch von „Kopflos“ bin ich begeistert. Denn Ariana Harwicz bleibt ihrem Stil treu. Wieder ist hier diese Härte, dieser geschickt gesetzte Schock zu finden. Dies wird sicher nicht jedem gefallen. Bei mir allerdings schlägt auch dieses Buch wieder ein wie eine Bombe.

„Wir denken, wir wären nicht fähig, ein Verbrechen zu begehen, bis wir es tun.“ So heißt es im Klappentext. Und da liegt viel Wahrheit drin. Denn wir alle sind zu allem fähig. Kommt immer darauf an, was einen triggert, in welcher Situation man steckt, irgendwann brennen bei jedem von uns die Sicherungen durch. Dies sollte uns klar sein. Ariana Harwicz erinnert mit ihrem Buch daran. 

Eine Familie steht zentral. Eine ehemalige Familie. Denn Lisa und Armand haben sich getrennt. Aus der Liebe wurde Hass. Aus verschiedenen Gründen. Die nicht nur aus dem Paar allein entstanden sind. Die Schwiegereltern mischen hier auch gewaltig mit. Hier mischt ein rassistisches Gedankengut mit hinein, was auch zeigt, was Lisa hier eventuell schon durchgemacht hat. Ohne Zutun ihres „geliebten Mannes“ wohlgemerkt. Die beiden Söhne leben laut Gerichtsbeschluss wegen Gewaltausbrüchen der Mutter beim Vater. Wobei diese Gewaltausbrüche etwas fragwürdig sind, etwas fragwürdig, nicht völlig fragwürdig. Denn dieser Rosenkrieg hier, nun ja, auch er ist fragwürdig. Denn irgendwann einmal haben sich ja Armand und Lisa verstanden, sogar geliebt. Wenn aus der Liebe Hass wird, beides liegt ja recht nah beieinander, bzw. kann recht nah beieinander liegen. Jetzt sind Armand und Lisa verfeindete Parteien. Die über die gemeinsamen Kinder dem Partner schaden möchten. So weit so krank. Lisa als Erzählstimme ist kein Wohlfühlcharakter. Aber über Wohlfühlcharaktere verfügt dieses Buch so gar nicht. Dennoch ist Lisa trotz ihrer Taten nicht die vollkommen böse gezeichnete Figur. Über ihre Ausführungen versteht man sie etwas. Versteht auch, dass sie zum jetzigen Zustand getrieben wurde. Mehr oder weniger. Dann wieder zeigt Lisa Anteile, die weh tun, sehr weh tun. Leid können einem hier die Kinder tun. Die zu Spielbällen der Erwachsenen geworden sind. Erwachsene, die nicht in der Lage sind das Kindswohl zu bedenken. Weil sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind. Doch hier sieht man was Schmerz, Leid, Liebe und obsessives Verhalten mit einem Menschen machen können, denn die Mutter ist auch nur ein Mensch und irgendwann ist auch einer Mutter einfach alles Zuviel. Dann kommt ein Kopflos. Vielleicht.

Eine Leidenschaft, die Leiden erschafft. Dies trifft hier vollkommen zu. Eine Mutter, die Rot sieht. Warum nicht?! Die hehre Rolle der Mutter, einmal völlig neu und ohne diesen Mythos. Doch warum umgibt die Mutter dieser Mythos. Wer hat ihn gezeichnet? Und warum? Um was zu begründen? Eine patriarchale Ordnung. Ein gegebenes und ehernes Gesetz. An dem nicht zu rütteln wäre. Warum eigentlich nicht? Ariana Harwicz rüttelt daran. In einem gewaltigen Sturm in Buchform. 

Genauso ist dieses Buch aber als Gesellschaftskritik zu sehen, es hinterfragt gesellschaftlichen Druck, wie auch gerichtliche Entscheidungen und Prozesse, es hinterfragt familiäre Strukturen und den Umgang mit psychiatrisch Erkrankten, es zeigt den allgegenwärtig auftretenden Rassismus, wie auch eine Misogynie. Auch darüber sollte man nachdenken. 

Ein außergewöhnlicher Roman, der wachrüttelt! 

Und das alles in diesem kleinen 143 Seiten umfassenden Buch. Wieder ein dünnes Buch voller Inhalt, wie auch schon der Vorgänger „Stirb doch, Liebling“. Und wieder ein Buch mit einer einschlagenden Sprache, ein Buch, welches man nicht weglegen kann. Ein Lesehighlight! Wieder! Leute, lest die Harwicz. Unbedingt. 

Und schaut nach Argentinien. Bin gerade bei Mariana Enriquez Schreibe und geh daran fest. Auch eine richtige Ausnahmeautorin aus Argentina.


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