Rezension zu „Am Ende der Kleinigkeiten“ von Franziska Hauser
Dieses Buch ist ein kluges Psychogramm einer Tochter einer bindungsgestörten Mutter und ihr berührender Weg aus ihrer Hölle. Liebe ich sehr!
Von Franziska Hauser kenne ich bisher den Roman „Die Gewitterschwimmerin“ und die Anthologie „Ost*West*frau*“, die sie mit Maren Wurster gemeinsam herausgegeben hat. Beides für mich 5 Sterne Bücher. Und auch dieses Buch hier, „Am Ende der Kleinigkeiten“ ist für mich ein 5 Sterne Buch.
Mütter und Töchter. Eine schier unerschöpfliche Thematik. Für mich auf jeden Fall! „Am Ende der Kleinigkeiten“ ist ein empathischer Blick auf Irma und ihre Mutter, zeichnet ein Bild einer Bindungsstörung und ein Bild einer Emanzipation. Einer sehr frühen Emanzipation. Irma geht durch eine Hölle und geht dabei nicht zugrunde. Ein großes Wunder. Denn dass, was sie erleben muss, ist schon sehr hart.
Ihre Mutter verlor die eigene Mutter und ging dann durch ihre eigene Hölle. Eine Hölle, die das Weiche aus ihr heraustrieb und die Irmas Mutter in Habachtstellung vor ihrer Umwelt gehen ließ. Niemand kommt ihr zu nahe, denn dafür sorgt sie explosiv. In dem das Warum herausgearbeitet wird, versteht man Irmas Mutter. Dennoch macht sie dies nicht zu einem positiv zu betrachtenden Charakter. Wer solch eine Mutter hat, braucht wirklich keine Feinde mehr und dies ist sehr traurig. Gleichzeitig macht es aber auch wütend. Denn Irmas Mutter macht ihr Tun nicht nur aus ihrem eigenen Drama heraus. Nein, ihr macht ihr Verhalten Spaß, sie zieht einen Gewinn aus ihrem Tun. Und dies macht sie in meinen Augen zu einem verabscheuungswürdigen Charakter.
Dass Irma aus dem Dunstkreis der Mutter verschwindet, ermöglicht ihr das Loslösen aus der destruktiven Beeinflussung durch die Mutter. In ihren jungen Jahren sicher ein sehr schwerer Schritt. Dennoch ein notwendiger Schritt. Ihre Mutter hatte schon viel Schaden an der eigenen Tochter angerichtet. Dies wäre so weitergegangen und hätte weitere Folgen gehabt. Irgendwann wahrscheinlich unumkehrbare Folgen. Von daher macht Irma alles richtig. Sie zieht aus der bisher eng begrenzten Welt einer alternativen Siedlungsgemeinschaft auf einem Dorf in die Großstadt und ihr eröffnet sich eine bunte und reichhaltige Welt. Eine Welt, die ebenso Fallstricke bietet. Aber genauso ist die Großstadt auch eine Welt der unendlichen Möglichkeiten. Gerade in jungen Jahren.
Ich habe den Charakter der Irma geliebt. Ein junges Mädchen bricht aus und geht ihren Weg. Genau mein Ding würde ich sagen. Franziska Hauser gibt aber dem Charakter der Irma noch ihren besonderen Stempel mit. Denn Franziska Hauser erschafft Figuren, die nachhallen. Ich denke hier sehr an Tamara und Datscha und ihre Mutter Adele aus „Die Gewitterschwimmerin“. An dieses Buch kommt „Am Ende der Kleinigkeiten“ meiner Meinung nach nicht heran, es ist aber nah dran. Denn die intensive Gestaltung der Figuren der Irma und ihrer Mutter erinnert schon sehr an das Gespann Adele/Datscha/Tamara.
Genauso wie man nicht vergessen darf, „Die Gewitterschwimmerin“ ist 432 Seiten stark, deutlich mehr Raum um die Leserschaft zu erschüttern gegenüber den 350 Seiten von „Am Ender der Kleinigkeiten“. Nah beieinander liegen die Bücher ja dennoch. Auf 80 Seiten kann aber noch so einiges stattfinden, man darf ja nicht vergessen, es gibt ja auch Bücher mit nur 80 Seiten.
„Am Ende der Kleinigkeiten“ ist ein wunderbares Buch, eine notwendige und wunderbare Transformation, ein Lesehighlight, ein 5 Sterne Buch, ist Irmas Weg. Die Zeichnung von Irma berührt ungemein, ein authentischer und liebenswerter Charakter, ein starker Charakter. Ein Kraftbuch! Und ein sehr gelungenes Buch von Franziska Hauser. Eindringlich und nicht aus der Hand zu legen. Love it! Lesen! ❤
⭐⭐⭐⭐⭐
Rezension: © Booquinia
Unbezahlte Werbung, Coverbild des Buches: © Frankfurter Verlagsanstalt
Gegenwartsliteratur
2026 bei Frankfurter Verlagsanstalt herausgebracht
Mein Dank geht an NetGalleyDeutschland und an die Frankfurter Verlagsanstalt für das mir zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar!
978-3-627-00343-2
352 Seiten
