Rezension zu „Unterwasserblau“ von Petra Hucke
Auch dieses Buch hier beschäftigt sich wieder mit einer jüngeren Frau. Diesmal ist es kein Charakter, für den ich in Flammen aufgehe. Eher verstehe ich Jessi in ihrem Tun nicht und ich denke, wenn mir eine Jessi im realen Leben begegnen würde, nun ja, Freundinnen würden wir nicht werden. Dennoch schafft es Petra Hucke eindringlich Jessi verstehbar zu gestalten und erzeugt in ihrer Geschichte einen unheimlichen Lesesog. Dieses Buch kann man einfach nicht aus der Hand legen. Denn Jessi ist nicht Schwarz-Weiß gezeichnet. Anfänglich verfällt man als Lesende etwas ihrem Bann, doch nach und nach sickert aber immer mehr über diesen Charakter der Jessi in der Geschichte durch und Jessi wird etwas abstoßender, dann jedoch erkennt man weitere Zusammenhänge, Jessi wächst und wird damit wieder positiver.
Mit diesen Opfern, mit diesen rehäugigen Wesen, mit diesen Rehleins habe ich ja so meine Befindlichkeiten. Dabei ist Jessi jetzt nicht vollkommen ein Rehlein. Nein, so schlimm ist es nicht. Doch zeigt sie schon gewisse Anteile dieses Charakters. Und das macht mir die Lektüre nicht völlig einfach. Denn in mir sträubt es sich.
Jessi hat ihr Glück gefunden, in ihrer Schwiegerfamilie. Ihre eigene Familie ist nicht der Glückspunkt in Jessis Augen. Viele Verletzungen türmen sich auf. Zu viele Verletzungen?!?! Doch auch das Glück in der Schwiegerfamilie ist fragil. Denn Jessi torpediert dieses Glück selbst. Hier könnte man sich fragen, warum Jessi dies macht. Eine bewusste Selbstschädigung. Die Frage nach dem Selbstwert stellt sich. Genauso wie dieses Schwarz (eigene Familie) und Weiß (Schwiegerfamilie) Fragen aufwirft. Denn reines Schwarz-Weiß. Wo findet man das? Wo ist dieses fein changierende Grau? Petra Hucke zeigt dieses fein wobende Grau. Und rückt damit den Fokus auch auf Betrachtungen einer einzelnen Person auf Geschehnisse in deren Leben und den Blick ihrer Umgebung auf das gleiche Geschehen. Unterschiedliche Betrachtungen eines Themas stehen zentral und lassen ein Sinnieren zu, wenn man das denn möchte. Und ja, ich möchte genau das!
Eine unsägliche Vergangenheit. Der man entsagen möchte. Doch kann man das? Verletzungen bleiben Verletzungen. Auch wenn man Mauern auftürmt. Dicke Mauern. Sehr dicke Mauern. Irgendwann stürzen diese ein. Die Frage ist nur ob diese Mauern einen selbst begraben, oder ob man die Kraft zum Aufstehen hat und zum Neuordnen.
Jessi ordnet und baut. Und genau dies macht sie wieder sympathisch. Denn wir alle wissen, genau dieses Neuordnen fällt sehr schwer.
Petra Hucke ist mit ihrem Buch „Unterwasserblau“ eine wunderschöne Familiengeschichte gelungen, die ich sehr gern gelesen habe. Genauso wie das Buch ein Psychogram einer jüngeren Frau ist, die nicht in ihrem Gram verharrt, sondern sich ihren Dämonen stellt. Eine schöne Geschichte. Eine nachhallende Geschichte. Empathisch und berührend. Spannend. Und ein Hauptcharakter, der mich nicht in Flammen aufgehen lässt, jedenfalls nicht völlig. Ein Hauptcharakter, der nicht schwarzweiß durchs Leben torkelt, sondern eher ein Charakter, der in einem pulsierenden Grau daherkommt und eine Bereitschaft zur Veränderung zeigt. Und davor ziehe ich meinen Hut. Chapeau. Hier im Buch. Und auch in der realen Welt. Denn eine Stagnation bedeutet einen leisen Tod. Dies darf man nicht vergessen. Und Jessi ist trotz gewissen Rehallüren noch nicht bereit leise zu gehen. Sie braucht Anstöße. Das Glück ist mit denen, die in ihrem Umfeld Menschen haben, die sich fähig zu Anstößen empfinden. Andere brauchen vielleicht einen literarischen Anstoß. „Unterwasserblau“ ist solch ein Anstoß. Lesen!!! ❤
⭐⭐⭐⭐⭐
Rezension: © Booquinia
Unbezahlte Werbung, Coverbild des Buches: © Eisele
Gegenwartsliteratur
2026 bei Eisele erschienen
Vielen Dank an @NetGalleyDeutschland und an den Eisele-Verlag für das mir zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar!
978-3-96161-283-3
256 Seiten
