Rezension zu „Orca“ von Franziska Gänsler
Mein erstes Buch der diesjährigen Longlist 2026 des Deutschen Buchpreises und gleich ein Volltreffer. Und diesen Eindruck habe ich, obwohl ich ein Buch aus dem Coming of age Bereich gelesen habe. Warum erwähne ich das? Nun, meist komme ich nicht völlig in solche Bücher herein, die Hauptfiguren stehen mir entweder total fern, stoßen mich sogar etwas ab und erscheinen mir als zu sperrig. Stehe ich etwa zu weit entfernt von meiner eigenen Jugend? Das kann ich mir nicht so ganz vorstellen, denn mein Einfühlungsvermögen ist doch recht gut entwickelt. Das schreibe ich nur deswegen, falls dies hier irgendjemand gedacht hätte. Ich selbst kenne mich ja. 😊
Franziska Gänsler hat in ihrem Roman „Orca“ das Thema der Jugendfreundschaft bis zur Jugendliebe thematisiert und das gelingt ihr in meinen Augen sehr gut. Das Buch ist in zwei Zeitebenen geschrieben, Cora steht im Jetzt an einer Fleischtheke, sie versteckt sich, versucht nicht aufzufallen und denkt über das Richtige nach. Der Blick zurück zeigt das Gestern: Cora, eine fleißige Schülerin, die aufgrund eines Stipendiums eine Schule besuchen darf, die nur von Eliten besucht wird, versucht sich den Mitschülern anzupassen, versucht mitzuschwimmen. Dies gelingt ihr nicht wirklich. In elitäre Kreise zu kommen ist halt nicht einfach, wenn dies überhaupt Ziel sein sollte. Aber gut. Also steht Cora allein und ein Teenager, der alleinsteht. Nun ja. Sie trifft durch einen Zufall Olympia wieder, eine ehemalige Mitschülerin, diese geht in einer Villa putzen und Cora kommt kurzentschlossen mit. Der Besitzer ist abwesend und hat Olympia beauftragt in Abständen in dem Haus nach dem Rechten zu sehen. Dies macht sie und von jetzt an mit Cora zusammen. Zwischen den beiden entsteht eine gewisse Anziehung. Doch dann kehrt der Besitzer zurück und benötigt die Dienste von Olympia nicht mehr. Dennoch bleiben die beiden an dem Haus dran, sie hatten hier einen schönen Ort, der nur ihnen beiden gehörte. Komische Dinge tun sich in dem Haus. Es scheint ein Rückzugsort zu sein. Eine derjenigen, die sich dort in dem Haus verstecken, treffen die beiden auf einer Party wieder, eine gewisse Ariel. Ariel nimmt sie in das Haus mit, in dem sich Klimaaktivisten treffen. Eine Spirale setzt sich in Gang. Einerseits ein Dreiecksszenario, denn Olympia scheint von Ariel fasziniert, was natürlich Cora nicht passt, die durch diese Situation zu immer mehr bereit erscheint. Ihre Position an einer Eliteschule und ihr Kontakt zu den Eliten ermöglicht Cora bei einigen der Klimaaktivisten Träume und Wünsche, aber auch Reibungspunkte. Immer mehr wandelt sich diese Coming of age Story zu einer interessanten Gesellschaftskritik, die perfekt in die heutige Zeit passt. Cora, Olympia, Ariel und Olympias Schwester Rena werden mittels der Anfangsbuchstaben ihrer Namen zu ORCA und sie tun, was Orcas eben tun, sie jagen.
Ein richtig gutes Konstrukt, das mich vollkommen überzeugte. Die Charaktere erreichten mich, berührten mich. Ich bin begeistert und kann nur rufen, lest dieses Buch, in dem es einerseits darum geht, einen Platz zu finden, aber andererseits auch darum dagegen zu sein, doch aus welchen Gründen man dagegen ist, politisch überzeugt/idealistisch oder menschlich/egoistisch/besitzergreifend, dies scheint nicht immer völlig sonnenklar. Denn wenn das Leben tobt und das Gefühlschaos daherkommt, dann ist mancher zu mehr bereit, als vielleicht gut ist. Doch manch ein Weg muss einfach beschritten werden in der vor Kraft strotzenden Jugend.
⭐⭐⭐⭐⭐
Rezension: © Booquinia
Unbezahlte Werbung, Coverbild des Buches: © Kein & Aber
Gegenwartsliteratur
2026 bei Kein & Aber herausgebracht
Vielen Dank an den @Kein & Aber Verlag und an @Netgalley für das Rezensionsexemplar!
978-3-0369-5099-0
368 Seiten
