Rezension zu „Perlen“ von Siân Hughes

„Perlen“ von Siân Hughes ist eine still erzähle Geschichte über den Verlust, die durch diese ruhig erzählte Art um so lauter schreit. Marianne ist Mutter und eben dadurch kommen alte Gedanken über die eigene Mutter wieder in ihren Gedankenkreislauf. Marianne war acht Jahre alt, als ihre Mutter Margaret spurlos verschwand. Das Leben des Kindes ist auf den Kopf gestellt, das Mädchen ist traumatisiert, kann aber in dieser vergangenen Zeit nicht mit diesem Trauma umgehen, erhält auch nicht wirklich Hilfe ihren Verlust zu verarbeiten. Die Familie um Marianne, ihr jüngerer Bruder Joe und ihr Vater Edward müssen irgendwie lernen mit diesem tragischen Verlust umzugehen. Denn auch der Vater ist traumatisiert, muss aber zugleich als Oberhaupt der Familie dafür sorgen, dass es für die Familie irgendwie weitergeht, jetzt, wo diese eine Person, die alles zusammengehalten hat, weg ist. Sie müssen umziehen, verlieren auch den Halt der gewohnten Umgebung. Und über allem schwebt dieses Warum, diese eventuelle Schuld. Habe ich etwas falsch gemacht, bin ich auch schuld am Verschwinden der geliebten Mutter, der geliebten Frau? Eine sehr schwierige Gemengelage! Der jüngere Bruder von Marianne ist zu klein, um an dieser schlimmen Situation aktiv beteiligt zu sein. Hier kommen die Folgen dann eventuell in späteren Jahren. Ein schwerwiegender Verlust! Kommt man aus solch einem Erleben wieder heraus? Schafft man es neu anzufangen? Sich ein weiteres, oder ein neues Leben aufzubauen? Siân Hughes erzählt darüber in ihrem Buch „Perlen“. Und sie erzählt ihre Geschichte einfach meisterhaft, bildschön, wortgewaltig. Ich habe „Perlen“ geliebt, wollte es in meine heiligen Bücherhallen in Buchform aufnehmen, aber eben diese heiligen Bücherregale ächzen und stöhnen. Und so warte ich noch auf die nächste Buchaussortieraktion, um danach einen Entschluss zu fassen.

Marianne trägt diesen so tiefsitzenden Verlust aus ihrer Kindheit mit sich herum, trägt ihn weiter in ihren Erinnerungen. Erinnerungen an die Mutter, Erinnerungen an Lieder, an Gedichte, Erinnerungen, die Marianne Halt geben. Unter diesen Erinnerungen ist auch das titelgebende Gedicht Pearls. Und diese verschiedenen Erinnerungen an die Liebe einer Mutter lassen Marianne schlussendlich weitermachen, auch wenn hier dieses so oft erwähnte Vergessen nicht passiert. Doch wie soll man solch ein Trauma auch vergessen, wie soll das gehen? Gerade wenn die Kreisläufe des Lebens wiederkehren und damit die nicht mehr anwesende Mutter dennoch anwesend bleibt. Was schlussendlich aber auch gut sein kann, wenn es zum Verarbeiten hilft, für einen Umgang mit dem Unaussprechlichen führt. Was Marianne irgendwie passiert, und nicht nur das, irgendwie schafft sie es auch das geheimnisvolle Verschwinden der Mutter aufzulösen. Denn solch ein Verlust wiegt schwer, es ist schon schwer jemanden zu verlieren, wo man weiß, wie dies passiert ist. Aber nicht zu wissen, weshalb und wie ein geliebter Mensch verschwindet, wiegt ungleich schwerer. Es grenzt eigentlich an ein Wunder, dass Marianne es geschafft hat, sich ein Leben aufzubauen, sich aus dem Negativen herauszuziehen. Dass ihr das sehr schwergefallen ist, kann man unschwer an ihrer Geschichte im Buch erkennen. Ein wirklich unendlich berührendes Buch, traurig, aber auch hoffnungsvoll, da es ja auch innerhalb des Negativen etwas durchaus Positives aufweist und gerade dadurch auch ein wunderschönes Kraftbuch ist.

Der Roman spielt in einem kleinen Dorf der Grafschaft Cheshire im Nordwesten Englands, Wales ist recht nahe. In den Erinnerungen an die Mutter ist eine Naturverbundenheit erkennbar, was mir wirklich sehr gefallen hat. Hier tritt altes Wissen zu tage, altes Wissen was nicht verschwand. Die Moderne zog ein, aber das Alte blieb. Was ich ausnehmend schön empfand. Liebe ich sehr!

Übersetzt wurde das Buch von Tanja Handels. 


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