Rezension zu „Ich, die ich Männer nicht kannte“ von Jacqueline Harpman

Ich, die ich Männer nicht kannte. Ein interessanter Buchtitel. Er suggeriert etwas. Aber er kann auch in die Irre führen. Denn für mich klingt dieser Titel nach einer Handlung, die irgendwie an Männern herumkritelt. Doch das steht hier nicht unbedingt zentral. Nicht unbedingt. Aber irgendwie schon. 

Jacqueline Harpman. Eine 1929 geborene belgische Autorin. Dieses Buch hier erschien 1995 in französischer Sprache, unter dem Titel „Moi qui n’ai pas connu les hommes“. 1998 erschien es auf Deutsch unter dem Titel „Die Frau, die die Männer nicht kannte“ bei Hoffmann und Campe. Und eben jetzt bei Klett-Cotta. Und eben jetzt eroberte es die Literaturwelt. Warum passierte dies nicht schon 1998, warum erst jetzt? Hat sich in der Welt etwas verändert, dass eben solche Dystopien gerade jetzt einschlagen wie eine kleine Bombe. In meinen Augen ja, obwohl es auch damals schon diese Männer gab, die die Welt irgendwie erstarren lassen. Dennoch, 1998 war eine völlig andere Zeit. Das Internet hatte noch einen Weg vor sich, bevor es die heutige Wertigkeit erlangte. Irgendwie absurd, wenn man mit dem heutigen Wissen auf dieses Gestern schaut, es wirkt fast etwas fragil, wenn man daran denkt, wie dieses Damals funktionierte. Was aber wieder den Gedanken aufkommen lässt, dass manche Schätze aus dieser Zeit keine Bühne bekommen haben. Oder besser gesagt weniger Bühne. Denn dieses Buch hier ist ein Schatz!

Meine persönliche Welt drehte sich noch nicht so sehr um die Literatur, ich war auf der Suche, nach dem eigenen Platz und nach dem ultimativen Erleben, Konzerte, Festivals, Dissen und Menschen, Liebe. Und die Ethnographie natürlich. Ab und zu auch einen Roman. Aber eben nur ab und zu. Wie dies bei anderen Menschen sicher ähnlich verlief. Denk ich mir so.

Jacqueline Harpman, 1929 geboren, erlebte den 2. Weltkrieg hautnah. 1940 marschierte Deutschlands Armee nach Belgien und 1940 floh Jacquelines Familie nach Casablanca. Der Vater von Jacqueline war Andries Harpman, ein jüdisch-holländischer Geschäftsmann. Was dies mit einem 10/11-jährigen Mädchen macht, kann sich jeder aussuchen. Eine Verbindung zu diesem Buch hier ist fast nicht auszuschließen.

40 Frauen sitzen in einem Gefängnis. Männliche Wärter. Keine Kommunikation zwischen Gefangenen und Wärtern. Keinen Blick nach draußen. Die Zeit verschwimmt. Die Frauen kennen sich nicht aus der Welt davor, haben auch so kaum eine Erinnerung an dieses Davor. Sie bekommen Nahrung und ein paar weitere Dinge des täglichen Bedarfs. Sehr wenige Dinge. Und sind gefangen. Dann ertönt ein Alarm. Und durch einen sehr glücklichen Zufall gelangen sie in die Freiheit. Und finden eine Welt vor, die völlig unbekannt erscheint, in der sie ihren Platz finden müssen, in der sie der Tristesse irgendetwas entgegensetzen müssen. Ihre eigene Menschlichkeit, die in dem erlittenen Grauen etwas verschwunden erscheint. 

Manche vergleichen dieses Buch mit feministischen Sichten, mit der Atwood, mit ihrem Report, kann man auch. Aber dieses Buch ist mehr. Nicht nur die Frauen sind die Leidtragenden, dies sind sie im Report ja auch nicht. Die menschliche Welt, das menschliche Miteinander wurde hier ausgelöscht. Wie dies auch in dem Grauen passierte, dass die Erde in den Dreißigern/Vierzigern erlebte. Uniformen tragende Wärter. Und gefangene Menschen. Nur wenigen gelingt die Flucht. Und Hilfe ist nicht ersichtlich. Wie dies die jüdische Welt erlebte. In vielerlei Ausprägungen. 

Und dennoch, obwohl dieses Buch das Grauen porträtiert, das Menschsein hat auch seinen Platz. Eine gewisse Hoffnung. Die in uns innewohnt. In manchen von uns! 

Denn was macht ein Leben lebenswert? Die Freiheit, die Mitmenschen, die Werte, der Besitz, die geistige Beschäftigung, die Sinnlichkeit, der Nachwuchs, das Weitergeben können?!?!

Lesen!

⭐⭐⭐⭐⭐

Rezension: © Booquinia

Unbezahlte Werbung, Coverbild des Buches: © Klett-Cotta

Dystopie

2026 bei Klett-Cotta erschienen

Vielen Dank an @NetGalley und an den Klett-Cotta-Verlag für das mir zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar!

978-3-608-96670-1

224 Seiten


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