Rezension zu „Botanik des Wahnsinns“ von Leon Engler
Botanik des Wahnsinns. Das ist doch mal ein Titel. Die Lehre der Pflanzen. Ursprünglich waren in dieser Lehre nur die Heilpflanzen gemeint. Was besonders interessant ist, wenn der Begriff Botanik in Verbindung zum Begriff Wahnsinn gebracht wird.
Denn wann beginnt die Heilung des Wahnsinns? In der Einnahme von Medikamenten, die ja schlussendlich auf Heilpflanzen beruhen. Doch nicht nur. Ein Verstehen ist hier ebenso essenziell. Und ein daraus folgendes Handeln.
Leon Engler betrachtet in diesem Buch seine Familie. Und hier besonders auf die Anhäufung psychiatrischer Erkrankungen in seiner Familie. Was sicherlich Angst macht, Angst machen kann. Völlig verständlich. Dennoch. Ursachen psychiatrischer Erkrankungen sind vielfältig. Es ist sicherlich nicht förderlich psychiatrisch Erkrankte wegzusperren, sie aus der Umgebung zu entfernen. Nur weil gerade diese Erkrankungen der Umgebung vielleicht Angst machen. Etwas, was in der Vergangenheit der Umgang mit psychiatrisch Erkrankten war. Bei einigen Menschen auch heute noch ist. Methode Vogel Strauß, Kopf in den Sand stecken und nichts sehen. Nichts sehen wollen. Aber ist damit die Gefahr gebannt selbst psychiatrisch zu erkranken? Mitnichten!
Leon Engler schaut nicht weg. Er wendet seinen Blick diesem Thema zu. Und mit ihm die Lesenden. Was ich ja sehr begrüße! Sehr! Denn meiner Meinung nach hilft bei psychiatrischen Erkrankungen ein Verstehen, ein Begreifen und ein daraus resultierendes Agieren. Ein sich mit dieser Thematik beschäftigen. Denn ja, unsere Welt macht uns krank. Der Druck macht dies. Und dieser Druck macht krank, wenn man für sich keinen Ausweg findet. Sei es eine Auszeit, sei es ein bewusstes Gegensteuern, (ja, die momentan von einigen Kreisen verteufelte Lifestyle-Teilzeit hat durchaus einen Sinn), sei es ein erfüllendes und das eigene Akku aufladendes Hobby, seien es menschliche Bindungen, menschliche Streicheleinheiten, sei es unsere Bindung zur Natur, (das Begreifen, dass wir ein Teil dieser Natur sind und unser gegen unseren Ursprung arbeiten nicht unbedingt förderlich für uns ist). Es gibt vieles, was man als psychiatrisch Erkrankter tun kann, tun muss! Es gibt auch viel, was man als Nicht-Betroffener tun kann, tun muss! Ein Nicht-Betroffener ist halt auch oft ein noch Nicht-Betroffener.
Was nicht hilft, ist unser Schweigen, unser Verschweigen. Auch das ist eine Grundbotschaft des Buches. Eine essenzielle Botschaft.
Eine weitere Botschaft war für mich das Nachdenken über diesen Wahnsinn. Wenn der Psychiatrisch Erkrankte nun wahnsinnig ist, bedeutet das, dass die Gesunden dies nicht sind? Oder bedeutet dies einfach nur, dass eben jener Wahnsinn noch nicht diagnostiziert wurde?! Denn handeln Gesunde immer gesund, oder handeln sie eher größtenteils gesund? Das Leben schließlich ein schleichender und langsamer Übergang in die psychiatrische Erkrankung sein kann. Denn was genau ist denn dieses wahnsinnig? Wer legt fest, wer wahnsinnig ist? Hat nicht jeder von uns unterschiedliche Definitionen von wahnsinnigem Verhalten, wahnsinnigem Tun? Jeder hat da seine eigenen Parameter. Und ja. Jeder von uns hat Anteile, die einem fragwürdig wahnsinnig erscheinen, erscheinen können. Wenn man denn ehrlich ist.
Leon Engler ermöglicht mit seinem Buch „Botanik des Wahnsinns“ ein Nachdenken über diesen Wahnsinn, ein Nachdenken über psychiatrische Erkrankungen und eventuell ein Umdenken in diesem Bereich. Denn irgendwie erscheint doch eine Welt, die den Wahnsinn befeuert, als etwas fragwürdig. Sollte sie zumindest. Denn wir sind nicht etwas wert, weil wir etwas leisten, wir sind wertvoll, weil wir wir sind, weil wir denken und fühlen, weil wir empathisch auf uns und auf andere schauen. Schauen können. Schauen sollten. Auch darüber sollte einmal nachgedacht werden. Denn eine empathischere Welt gebiert wahrscheinlich weniger psychiatrisch Erkrankte!
⭐⭐⭐⭐⭐
Rezension: © Booquinia
Unbezahlte Werbung, Coverbild des Buches: © DuMont
Gegenwartsliteratur
2025 bei DuMont erschienen
Mein Dank geht an NetGalleyDeutschland und an den DuMont-Verlag für das mir zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar!
978-3-7558-0053-8
208 Seiten
