Rezension zu „Deine Margot“ von Meri Valkama
Deine Margot. Was für ein Buchtitel. Mich hat allein schon der Titel angezogen. Klar kann man Margot auch anders interpretieren. Aber ich musste allein schon beim Anblick des Titels an unsere ehemalige Ministerin denken, an ihre durchaus kalte Erscheinung.
Doch um Margot Honecker geht es in dem Buch ja nicht. Nur um eine Frau, die ihre Briefe mit dem Namen Margot unterzeichnet.
Aber es geht um die DDR. Und dieses Thema fasziniert mich. Weil ich der ehemaligen DDR entstamme. Auch finde ich, dass diesem Thema mehr Aufmerksamkeit entgegengebracht werden sollte. Denn irgendwie ist es doch interessant, dass ein Teil unseres Landes eine andere Entwicklung nahm, eine andere Entwicklung nehmen musste. Es war ja keine freie Entscheidung der Bevölkerung der ehemaligen DDR, andere entschieden dies für sie. Und die Menschen lebten dann in diesem Land. Kamen darin klar. Mehr oder weniger gut. Manche fanden dieses Land gut. Andere wieder nicht. Gelebt haben sie dennoch da. Einige entschieden sich für die Ausreise. Andere nicht. Was man aber auch nachvollziehen kann. Ausreisen bedeutet damals halt auch deine Familie vielleicht nicht mehr wieder zu sehen. Auch das sollte man nicht vergessen.
Aber gut, darum geht es in diesem Buch nicht. Eher andersherum. Hier reisen nämlich Finnen in die DDR und bleiben dort. Eine Zeit lang. Klappentext: „Der finnische Journalist Markus Siltanen zieht Anfang der 1980er Jahre mit seiner Familie von Helsinki nach Ostberlin, um dort für seine linksgerichtete Zeitung als Auslandskorrespondent zu arbeiten.“ Das finde ich ebenso sehr interessant. Dass es so etwas gab, war mir nicht bewusst. Ich kann mich nur an Dean Reed erinnern. Ein US-amerikanischer Schauspieler und Sänger, der erst in Chile, später in Argentinien und schließlich in der DDR lebte. Und der in der DDR sehr gehypt wurde. Passt ja auch gut ins System, ein Ami, der wegen dem Kapitalismus in der DDR lebt. Aber auch hier, das politische Denken ist nicht der Hauptinhalt des Buches.
Nach dem Tod ihres Vaters Markus erhält Vilja ein Stapel Briefe. Ein Stapel Briefe, der an ihren Vater gerichtet ist, aber mit Decknamen ausgerüstet ist. In dem Kind Kastanie erkennt sich Vilja wieder und so muss sie sich der Situation stellen, dass nicht nur ihr Vater ein Doppelleben führte, sondern auch sie in diesem Doppelleben eine Rolle spielte. Sie also diese Frau, diese Margot, die Geliebte ihres Vaters, die Geliebte von Erich, kannte. Erinnerungen hat sie keine. Ihre Mutter erscheint nicht mitteilungsbereit. Also reist sie aus Finnland, in das ihre Familie nach einer Zeit in der DDR wieder zurückgekehrt ist, nach Berlin und spürt dem vergangenen Geschehen nach.
Das Buch ist in zwei Erzählsträngen geschrieben. Einer dieser Stränge blickt in die Vergangenheit, in die 80er Jahre und der andere Erzählstrang beleuchtet das dreißig Jahre spätere Jetzt. Und nach und nach wird klar, was damals mit Erich und Margot passierte.
Ein sehr interessantes Buch. Weil es das Damals in der DDR beleuchtet und auch das Thema: Was geschah nach der DDR mit der DDR und ihren Bewohnern. Aber besonders dadurch, weil die Familiengeschichte der Siltanens aufgedröselt wird und dies einfühlsam und warm passiert. Denn die meisten von uns wissen, die Liebe ist kein einfaches Thema. Und in solch einer Situation, in der sich die Siltanens befinden, ist dies sicher noch ein ganz anderes Thema, mit noch einer schwereren Note.
Die selbst in Ostberlin aufgewachsene Valkama, 2015-2016 studierte sie dann in Berlin, scheint einiges von dem zu verstehen, was im Ostteil der deutschen Landen vor sich ging. Dies merkt man dem Buch an. Und genau dies, ein Verständnis und ein Gesehen werden hat mir in diesem Buch auch sehr gut gefallen.
Und Valkamas Charaktere, ihre Zeichnung verraten eine richtig gute Gabe in Valkamas Blick, in ihrer Phantasie und ein Können in ihrer Schreibe. „Deine Margot“ von Meri Valkama ist definitiv ein Lesehighlight und ebenso ein Lesetipp!
⭐⭐⭐⭐⭐
Rezension: © Booquinia
Unbezahlte Werbung, Coverbild des Buches: © Frankfurter Verlagsanstalt
Gegenwartsliteratur
2024 bei Frankfurter Verlagsanstalt herausgebracht
Mein Dank geht an NetGalleyDeutschland und an die Frankfurter Verlagsanstalt für das mir zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar!
978-3-627-00316-6
544 Seiten
