Rezension zu „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ von Lilli Tollkien
Mein zweites Buch der diesjährigen Longlist 2026 des Deutschen Buchpreises und wieder ein Volltreffer. Kein Wunder, dass ich der Longlist hinterher lese. Denn diese Volltreffer, sie mehren sich bei den Kandidaten der Longlist des Deutschen Buchpreises.
Dieses Buch hier von Lilli Tollkien ist ein sehr intensives Buch. Es macht betroffen, sehr betroffen. Einerseits beschreibt es ein Kapitel, was mir sehr am Herzen liegt. Das West-Berlin der 80er und hier besonders die Kreise, die abseits des Mainstreams lagen. Klar geht von ihnen eine Faszination aus. Aber hier setzt auch ein gewisses Schwarz-Weiß-Denken von meiner Seite ein. Denn auch wenn mich dies fasziniert, heißt dies ja nicht, dass dort immer alles perfekt und wunderschön sein muss.
Lale, der Hauptcharakter dieses Buches, kennt diese Kreise abseits des Mainstreams. Aber schön ist ihr Leben definitiv nicht zu nennen. Lale wächst in den 80ern in einer Männer-WG auf. Mutter und Vater sind im Knast und der Freund des Vaters bekommt die Fürsorgepflicht und Geld. Und so kommt Lale in eine Männer-WG, eine Männer-WG, die aufs Establishment pfeift und ihrer eigenen Stiefel macht. Dies mag für sie selbst gut und richtig sein. Aber ein Kind, welches Sicherheit und Geborgenheit und auch Schutz braucht, ist in dieser Welt der nicht anwesenden Normen völlig falsch. Und manche Männer, die kreisen halt um sich selbst und ihre eigenen Bedürfnisse, wie die Männer in Lales Männer-WG.
Es ist ein Wunder und zeugt gleichzeitig von Lales Stärke, wie sie durch diese Zeit kam, traumatisiert, aber nicht völlig gebrochen.
Den Schreibstil empfand ich als ungemein fesselnd, gleichzeitig fand ich es sehr schön, dass Lales Erleben nicht zu traurig/tränenüberströmend erzählt wird, auch nicht zu ausgeschmückt erzählt wird. Ihr Coming of age ist sehr zusammengefasst, aber dennoch bekommt man mit, was dies mit Lale macht. Es ist völlig ausreichend erzählt und ohne sich im Drama effekthaschend zu suhlen. Gerade in meiner Arbeit in der Psychiatrie und in den Gesprächen mit den Patienten bekommt man ja vieles aus den Lebensläufen mit und dieses Buch hier hat mich an so manches Gespräch erinnert, hat mich an so manch ein Gesicht erinnert.
Denn ja, auch wenn man traumatisiert wird, man hat die Chance in der Therapie einen anderen Blick auf das Gestern zu bekommen, was ich Lale immens wünsche, aber irgendwie suggeriert das Buch ja auch Lales Selbstfindung und Ausstieg aus dem Trauma.
Denn ein Trauma sollte niemals das Leben bestimmen. Sonst würden ja diejenigen, die das Trauma auslösen auf ewig das eigene Leben bestimmen/beeinflussen. Und das kann man ja wirklich nicht wollen.
In dem Buch wächst Lale eher im autonomen Bereich auf, was aber nicht zu folgenschweren Irrtümern führen soll. Kindesvernachlässigung und Kindesgefährdung findet man überall, in jedem Kreis in unserer Gesellschaft. Dies hier ist wohl auf einen Fall, auf einen Menschen, auf eben jene Lale zugeschnitten. Und es ist schlimm für sie. Wie auch für jeden und jede der vielen Betroffenen.
Ich empfand das Buch als treffend, authentisch, vollkommen überzeugend. Auch wenn es wirklich ein sehr schwerer Stoff/schwer ertragbar ist. Ich empfehle es. Sehr!
⭐⭐⭐⭐⭐
Rezension: © Booquinia
Unbezahlte Werbung, Coverbild des Buches: © Aufbau Verlag
Gegenwartsliteratur
2026 beim Aufbau-Verlag herausgebracht
Mein Dank geht an NetGalleyDeutschland und an den Aufbau-Verlag für das mir zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar!
978-3-351-04284-4
255 Seiten
