Rezension zu „Sanditz“ von Lukas Rietzschel
Mein drittes Buch der diesjährigen Longlist 2026 des Deutschen Buchpreises und auch dieses ist wieder ein Volltreffer. Und das zeigt doch auch die Qualität der deutschsprachigen Literatur, bzw. die Qualität der Auswahl durch die Jury des Deutschen Buchpreises.
Lukas Rietzschel kenne ich schon, ich habe die beiden Vorgängerbücher gelesen und für gut befunden, beide erhielten 4 Sterne von mir. Hier bei „Sanditz“ steigert er sich für mich. Die Handlung erscheint mir dichter, die Figuren erreichen mich mehr. Deswegen erfolgt von mir hier die höhere Bewertung.
Was mich bei Lukas Rietzschel auch erreicht, ist seine Nähe zu Görlitz, meiner Geburtsstadt. Aufmerksame Leser und Leser, die Görlitz kennen, werden hier die Zusammenhänge schnell herausfinden. Da gibt es eine Kleinstadt am Rande der Republik, eben jenes Sanditz, die von dem Landesthron überragt wurde, einen Berg, dem man sein früheres Wesen ansieht, den „Stadtvulkan“ eben. Da sehe ich Bilder vor mir. Meine Landeskrone. Die mir immer ein Lächeln aufs Gesicht zaubert. Und natürlich macht es mir Freude über meine Heimat zu lesen und es macht mir Freude, dass ich sehen kann, wie eine andere Generation dorthin schaut.
Beide Vorgänger fand ich intensiv, aber auch etwas distanziert. Eine Verbindung zu den Hauptcharakteren war für mich im ersten Buch reinweg unmöglich, da sie schädlich für meinen Blutdruck waren, was ja irgendwie dennoch eine Verbindung ist, aber nicht die, die ich mir wünsche. Das zweite Buch beleuchtet eine andere Gruppe im ehemaligen Osten und auch diese ist nicht unbedingt geeignet in meinem Herzen Freudensprünge auszulösen. Dennoch beschäftigte mich dieses zweite Buch auch sehr.
Hier im dritten Buch wird es menschlich und die Charaktere sind mir einfach näher. Sicherlich auch, weil ich keinen erhöhten Blutdruck hatte und mich die Charaktere durchweg aufregten. Womit ich nicht sagen will, dass es Wohlfühlcharaktere sind in diesem neuen Buch, in diesem „Sanditz“. Im Klappentext heißt es: „Hier leben alte Offiziere, Bürgerrechtler, Orgelbauer, Fliesensammler, Lokaljournalistinnen, selbsternannte Widerständler, Träumerinnen, Frührentner, Kinder, Liebespaare, verhuschte Archivare und die Familie Wenzel.“ Ja, und auf diese ganzen Menschen blickt Lukas Rietzschel in diesem Buch, gibt ihnen eine Stimme und gibt ihnen eine Form. Was in meinen Augen sehr gut gelungen ist. Dann bewegt sich das Buch über einen großen Zeitraum. Dieser Zeitraum bewegt sich vom Ende der DDR ins Jetzt hinein. Ein großer Zeitraum und eine große Menge an Personal, was Rietzschel in eine Art Epos über den Osten verwandelt und den Lesern genügend Stoff zum Nachdenken gibt. Ein wichtiges Buch. Denn dieser Osten, oder ein Teil des Ostens, er zündelt. Er zündelt an unserem Jetzt, lässt sich vor einen Karren spannen, der direkt in den Untergang führt. Das hat Lukas Rietzschel schon vor einigen Jahren erkannt und er arbeitet dagegen. Was ich ihm hoch anrechne. Denn ungefährlich ist so etwas nicht, bei der Gewaltbereitschaft, die in einigen Gruppen zu finden ist, die mit an unserem Land zündeln. Ich sage nur verschwundene Waffen aus Armeebeständen. Aber gut. Das Feindbild Nummer 1 sind ja Die Linken. Stimmt. Wie konnte ich das nur vergessen!?!?
Was mir an „Sanditz“ noch gefallen hat, war die Hommage an die Raben um Krabat. Ein fantasyartiger Einschub. Der aber sicher nicht wegen der Fantasy gewählt wurde. Sondern sicher etwas anderes vermitteln will. Da kämpft das Gute gegen das Böse. Und ja, wir müssen jede Hilfe annehmen, die sich uns anbietet. Von mir aus hätten diese Raben noch etwas mehr Raum in dem Buch einnehmen können. Das ist aber nur eine ganz leichte Kritik. Denn dieses „Sanditz“, es ist völlig gelungen und ein sehr lesenswertes Buch. Also Leute, unbedingt lesen!
⭐⭐⭐⭐⭐
Rezension: © Booquinia
Unbezahlte Werbung, Coverbild des Buches: © dtv
Gegenwartsliteratur
2026 bei dtv erschienen
Vielen Dank an NetGalley und an den dtv-Verlag für das Rezensionsexemplar!
978-3-423-28516-2
480 Seiten
