Rezension zu „Die Steppe“ von Oxana Wassjakina
Nach „Die Wunde“ mit dem Blick auf die Mutter, folgt nun der zweite Teil der Trilogie um die Familie der Autorin und ihr Leben in Russland, ein Roman namens „Die Steppe“ mit dem Blick auf den Vater. Im ersten Buch bemerkt man einen deutlichen Konflikt der Autorin mit ihrer Mutter, der sich zwar nach dem Tod der Mutter vermindert, dennoch aber spürbar ist. In „Die Steppe“ ist dieser Eltern-Kind-Konflikt nicht ganz so wahrnehmbar, was mich etwas verwundert. Auch hier blickt die Tochter wieder nach dem Tod des Vaters auf das Vergangene. Der Vater hatte sich von seiner Frau und seiner Tochter getrennt, ist von Ust-Ilimsk weggezogen, seine kriminellen Machenschaften werden als Grund für die Trennung angegeben, werden aber sicher nicht der einzige Grund gewesen sein. Ist die räumliche Entfernung von der Tochter ein Grund, dass der Vater nicht völlig ablehnend wirkt, ist es eine emotionale Distanz, die sich zwischen den beiden entwickelt hat, die den Vater halbwegs mit dem Leben der Tochter klarkommen lässt oder bemerkt er die Homosexualität der Tochter nicht, denkt nicht weiter, will es nicht bemerken. Eine völlig fehlende Emotionalität ist mir im Text nicht aufgefallen. Da gibt es schon eine gewisse Nähe zwischen Vater und Tochter. Bei einem Rückblick fahren die Tochter/die Autorin und ihre Geliebte im LKW des Vaters mit, der als Fernfahrer arbeitet und durch die sibirische Steppe tuckert. Dort nicht zu bemerken, was zwischen den beiden Frauen abgeht, ist sicher schwer möglich, jedoch nicht unmöglich, besonders wenn man sich Scheuklappen aufsetzt und nicht sehen will. Dennoch hat es mich verwundert so wenig Konfliktpotenzial zu finden, besonders wenn ich mich an „Die Wunde“ erinnere. Ein Buch voller Konflikte zwischen Mutter und Tochter. Nun wird die Ehe mit einem Kriminellen nicht unbedingt einfach für die Mutter gewesen sein. Die Gewalt, die hier in „Die Steppe“ beschrieben wird, könnte eine Traumatisierung bedeuten, die Situation der Mutter könnte eine Fokussierung auf das Negative bedeuten, was ja auch eine gewisse Unzufriedenheit implizieren könnte. Wenn man angespannt ist, stört einen ja bekanntlich mehr als in einem relaxten Zustand. Außerdem gibt es auch noch andere Unterschiede in den Beziehungen zwischen Vätern und Töchtern und Müttern und Töchtern. Ich kann nur sagen, mich verwundert das Miteinander von Vater und Tochter hier, ich hätte nach „Die Wunde“ gedacht, dass auch hier viel Konfliktpotenzial zu finden ist. Dennoch finde ich das Gelesene nicht als unstimmig. Es berührt mich. Und das gefällt mir!
Weiterhin ermöglicht das Buch auch recht ungefilterte Blicke auf russische Lebensrealitäten. Erschreckende Lebensrealitäten. Lebensrealitäten, denen sich viele Menschen nicht bewusst sind. Ich möchte definitiv nicht in solch einem Land leben. Ob es russlandaffine Menschen wollen? Kann ich mir nicht vorstellen. Obwohl ja immer wieder von einer Unfreiheit in D die Rede ist. Was sagt man da wohl über die Unfreiheit und die Kriminalität in putinfreundlichen Gefilden? Dieses Buch gibt Einblicke darüber. Interessante Einblicke. Man müsste es halt lesen. Sich bilden. Genau!
Der dritte Aspekt des Buchers ist die titelgebende Steppe, ein liebevoller Blick auf das Land und im Besonderen auf die Steppe, deren alles verschlingende Weite. Eine Weite, in der der Vater lange Zeit lebt, in seinem kleinen Führerhaus im LKW. Er scheint glücklich zu sein. In einem kleinen Führerhaus glücklich sein zu können und durch die Gegend zu tuckern, dies hat für mich so gar keinen Reiz, würde mich eher unglücklich machen. Deswegen ein Hoch auf die Menschen, die das können! Ist es nicht schön, dass wir alle unterschiedlich sind?!?! Der liebende Blick auf die Steppe hat mir wieder sehr gefallen. Bei einer Szene habe ich mich gefragt, ob ich dort hätte schlafen können. Aber gut, mit einem Lieblingsmenschen an der Seite vielleicht.
Insgesamt ist „Die Steppe“ ein berührendes Buch, welches ich sehr gern gelesen habe. Ein informatives Buch, wenn ich an die Gedanken zu Russland denke. Und ich bin gespannt, wenn ich an „Die Rose“ denke, den dritten Teil der Trilogie um Familie und Land von Oxana Wassjakina.
⭐⭐⭐⭐⭐
Rezension: © Booquinia
Unbezahlte Werbung, Coverbild des Buches: © Blumenbar
Gegenwartsliteratur
2024 bei Blumenbar erschienen
Vielen Dank an NetGalley und an den Blumenbar-Verlag für das Rezensionsexemplar!
978-3-351-05116-7
272 Seiten
