Rezension zu „Lilianas unvergänglicher Sommer“ von Cristina Rivera Garza

Cristina Rivera Garza schaut in diesem sehr intensiven Buch auf den Tod ihrer eigenen Schwester. Das muss man erst einmal schaffen! Ein Buch zu schreiben über den Tod der eigenen Schwester. Um damit den Blick auf ein Drama zu richten, welches es wohl überall in den patriarchal ausgerichteten Gesellschaften gibt, in denen ein Frauenleben nicht unbedingt genauso wertvoll wie ein Männerleben ist. Ja, das muss man mal aussprechen dürfen. Das muss man mal sagen können. Diese Tat fand in Mexiko-Stadt statt. Vor neunundzwanzig Jahren. Die Autorin reist zur Aufarbeitung des Geschehens neunundzwanzig Jahre nach der Tat aus den USA an. Warum so spät? Nun ja, ich weiß nicht, ob man das bewerten kann. Vielleicht schafft man es erst nach einer langen Zeit so ein Buch zu schreiben. Wenn der Schock vorbei ist. Oder wenn man sieht, dass die Hoffnung auf die Veränderung nicht einsetzt und das Morden an Frauen munter weitergeht und es niemanden zu interessieren scheint. Dieses Buch spielt in Mexiko, in der lateinamerikanischen Welt, im Gebiet des Machismo. Nun könnte man sagen, dies ist weit weg. Betrifft uns nicht. Doch ist dem wirklich so? Nun diese Frauenmorde, diese Femizide, diese Morde an Frauen, weil die Ermordeten Frauen sind, diese Ex-Freundinnen, diese Ex-Ehefrauen, dies gibt es auch bei uns. Auch bei uns gibt es geschlechtsspezifische Gewalt. Sie wird nur oft nicht so benannt und auch dafür gibt es Gründe. Bei uns sind es einfach Beziehungstaten, Familiendramen. Denn wenn Mann die Dinge anders benennt, muss er sich auch nicht darum kümmern. Doch Frauen in D bemerken dies. Denn auch wir leben in einem patriarchal strukturierten Land. Da kann man auf den Muslimen herumhacken, wie man will, auch bei uns gibt es frauenfeindliches Denken und Agieren. Man denke nur etwa an die Aggressivität, der Politikerinnen in unserem Land täglich begegnen, oft von reaktionären, rechten Kreisen forciert. 

Also handelt das Buch zwar von einem Geschehen in Mexiko-Stadt. Aber frau sollte sich bei uns nicht sicher fühlen. Aber wer von uns fühlt sich schon völlig sicher?!?!

Cristina Rivera Garza schaut auf Liliana Rivera Garza. Gibt ihrer Schwester ein Stück Würde zurück. Der Täter, der Exfreund von Liliana, wurde nicht gefasst, wurde nicht verurteilt. Die Tat wurde also nicht abgestraft. Wie fühlt man sich da als Schwester? Wie ist es da mit dem Glauben an eine Gerechtigkeit? 

Sollte man diesen Glauben noch besitzen in unserer monetär ausgerichteten Welt, in unserer Welt voller völlig durchgeknallter Männer in den Schaltzentralen unserer Länder. Voller Männer mit Macht, aber keiner sozialer Kompetenz!

Cristina Rivera Garza blickt auf ihre Schwester und die Liebe, die aus diesen Zeilen spricht, berührt tief. Sie macht fassungslos, man möchte das Geschehen weit wegrücken. Aber das gelingt nicht, weil frau ja weiß in welcher Welt sie lebt. 

Ein eindringliches Buch! Ein nachdenklich machendes Buch! Ein sehr gutes Buch! Ein wichtiges Buch!

Unbedingt lesen. Auch wenn es kein einfaches Buch ist! Aber diese nicht einfachen Bücher sind gerade deswegen oft sehr wichtig. Lesetipp!!!❤

⭐⭐⭐⭐⭐

Rezension: © Booquinia

Unbezahlte Werbung, Coverbild des Buches: © Klett-Cotta

Gegenwartsliteratur, Essay

2025 bei Klett-Cotta erschienen

Vielen Dank an @NetGalley und an den Klett-Cotta-Verlag für das mir zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar!

978-3-608-96674-9

336 Seiten


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